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title: "Jeder wünscht sich ein langes Leben | EPOCHE NAPOLEON"
url: "https://www.epoche-napoleon.net/werk/z/langes-leben.html"
description: Das Gedicht »Jeder wünscht sich ein langes Leben« des deutsch-schweizerischen Schriftstellers Heinrich Zschokke (1771-1848).
author: Michael Gnessner
date: 2019-10-19
modified: 2024-12-23
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# Jeder wünscht sich ein langes Leben | EPOCHE NAPOLEON

Jeder wünscht sich ein langes Leben
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Jeder wünscht sich langes Leben,
 seine Kisten voller Geld,
 Wiesen, Wälder, Äcker, Reben -
 Klugheit, Schönheit, Ruhm der Welt,
 doch wenn alles würde wahr
 was man wünscht zum neuen Jahr,
 dann erst wär es um die Welt,
 glaubt es, jämmerlich bestellt.

 Lebten alle tausend Jahre,
 was gewönnen wir dabei?
 Kahle Köpfe, graue Haare
 und das ew´ge Einerlei!
 Im erschrecklichen Gedränge
 ungeheurer Menschenmenge
 würden Stadt und Dorf zu enge,
 und die ganze Welt zu klein.
 Niemand könnte etwas erben,
 denn es würde keiner sterben;
 und wer möchte Doktor sein?

 Wäre jedermann so reich,
 als wohl jeder wünscht zu werden:
 Nun, dann würden wir auf Erden
 uns, in Sorgen, alle gleich.
 Da niemand des andern Bürde
 künftig auf sich laden würde,
 müßte jeglicher allein
 sein höchsteigner Diener sein;
 selber seine Strümpfe stricken,
 möcht´ er nicht gern barfuß gehn;
 selber Rock und Hosen flicken
 möcht´ er nicht wie Adam stehen;
 müßte kochen, braten, backen,
 liebte er gesunde Kost.
 Wäre er kein Freund vom Frost,
 müßt´ er selber Holz sich hacken.

 Ständen alle ohne Mängel
 wir hienieden schon, als Engel,
 o wie wär´ es böse Zeit
 für die liebe Geistlichkeit!
 Wer denn könnte Pfarrer werden
 in dem Himmel hier auf Erden,
 wenn der Laie besser wäre
 als die Predigt, die er hört?
 Nur wo nötig ist die Lehre
 -und sonst nirgends- hat sie Wert.
 Advokaten gingen müßig;
 Richter wären überflüßig;
 und Dragoner und Husaren
 wären überflüß´ge Waren.
 Ach, in diesem Weltgetümmel
 wüchse wieder neue Not,
 denn es brächte unser Himmel
 manchen braven Mann ums Brot.

 Wären alle Mädchen schön,
 und von außen und von innen
 und vom Wirbel bis zum Zehn
 zauberische Huldgöttinnen:
 zu alltäglich, zu gemein
 würden schöne Mädchen sein;
 niemand würde auf sie blicken. -
 Wäre alles Diamant,
 was jetzt Kiesel ist und Sand,
 niemand möchte sich drum bücken.

 Jeder wünscht zum neuen Jahr.
 Aber würde alles wahr,
 dann erst wär´ es um die Welt,
 glaubt es, jämmerlich bestellt!
 Wollet Ihr die Welt verbessern,
 (bloße Wünsche tun es nie,
 Spiele sind´s der Phantasie!)
 wollet ihr die Welt verbessern,
 fange jeder an bei sich,
 denn der Mittelpunkt der größern
 Welt ist jeglichem sein Ich.
 Dieses Ich wirft seine Strahlen,
 einer innern Sonne gleich,
 durch des Lebens weites Reich.
 Wie es selber ist, so malen
 sich die Dinge klein und groß,
 prächtig oder farbenlos!