An Bodmer

vom 04.08.1751

B., den 4. August 1751.

Hochedelgeborner und Hochgelehrter
Hochzuverehrender Herr Professor,

Ich nehme mir die Freyheit Ihr Hochedelgeboren beykommendes Gedicht[1] zu Dero Beurtheilung zu übersenden. Die patriotische und edle Neigung zur Beförderung der schönen Wissenschaften in Deutschland, welche die Verständigen und Redlichgesinnten schon so lange an Ihnen bewundern, läßt mich hoffen, daß Sie diese Freyheit entschuldigen werden, wenn auch gleich die Arbeit, die ich Dero Gutachten gänzlich übergebe, Dero Beyfall nicht verdienen sollte. Sie ist eine Frucht weniger Monate, und blos zu meiner eigenen Belustigung aufgesetzt worden, und daß ich mir die Frechheit nehme, sie Ihnen zu überschicken, geschieht mehr um von der Beurtheilung eines so erleuchteten Richters Vortheil zu ziehen, als daß ich mir schmeicheln sollte, Dero Beyfall erhalten zu können, obnerachtet ich, nach der Gesinnung des vortrefflichen Herrn von Kleist, den ganzen Helikon seyn lassen wollte wer er ist, wo ich so glücklich wäre, Ihnen nicht ganz zu mißfallen.

Sie erhalten diese Zeilen von einem Unbekannten. Ich kann Ihnen vor jetzt nichts von mir entdecken, als daß ich schon eine geraume Zeit einer von Dero Verehrern bin. Sollten Sie mich so glücklich machen wollen, Dero Urtheil mir zu eröffnen, so bitte gehorsamst, Dero Antwort à Mr. W. zu richten, und in einem Umschlag an Herrn von Daiser, D. Juris, zu Rotenburg am Nekkar, zu schicken. Ich bitte Ihr Hochedelgebornen gehorsamst, meine gebrauchte Kühnheit zu entschuldigen, und bin mit der vollkommensten Hochachtung

Hochzuverehrender Herr Professor

Dero
gehorsamster Diener
W.


[1] Das Gedicht hieß »Hermann« und wurde nachher vom Verfasser selbst vernichtet.


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