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title: "Die Demuth | EPOCHE NAPOLEON"
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description: »Die Demuth« ist ein Gedicht des Goethefreundes und deutsch-baltischen Schriftstellers Jakob Michael Reinhold Lenz (1751-1792), der der Epoche des Sturm und Drangs entstammte.
author: Michael Gnessner
date: 2014-12-07
modified: 2024-12-23
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# Die Demuth | EPOCHE NAPOLEON

\[TEXT\]
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 Ich wuchs empor, wie Weidenbäume
 Von manchem Nord geschlenkt
 Ihr niedrig Haupt in lichte Wolken heben,
 Wenn nun der Frühling lacht.

 Serge MarshennikovIch kroch empor wie das geschmeide Epheu
 Durch Schutt und Mauern Wege findt,
 An dürren Stäben hält und höher
 Als Sie, zum Schutt an ihren Füßen
 Hinunter sieht.

 Ich flog empor, wie die Rakete
 Verschlossen und vermacht, die Bande
 Zerreißt und schnell, sobald der Funken
 Sie angerührt, gen Himmel steigt.

 Ich kletterte wie junge Gemsen,
 Die nun zuerst die Federkraft
 In Sehn’n und Muskeln fühlen, wenn sie
 Die steile Höh’ erblicken, empor.

 Hier häng ich itzt aus Dunst und Wolken
 Nach dir furchtbare Tiefe, nieder –
 Giebts Engel hier? O komm ein Engel
 Und rette mich!

 O wenn ich diesen Felsengang stürzte,
 Wo wär, ihr Engel Gottes! mein Ende?
 Wo wär ein Ende meiner Thränen
 Um dich, um dich verlorne Demuth?

 Dich der Christen und nur der Christen
 Einziger, allerhöchster Seegen
 Heiliger Balsam! der die Wunden
 Des schwingeversengenden Stolzes heilt.

 Serge MarshennikovEinzige Lindrung edler Gemüther,
 Wenn in der trostlosen, heißen, öden,
 Heißen, öden, verzehrenden Wüste
 Eitler Ehre sie sich verirrt.

 Wann sie schmachteten und nicht fanden
 Wo sie den Durst der Hölle stillten
 Der ihr Gebein verzehrte.

 Wann sie, verzweifelnd um Schatten, wählten
 Wege nach Morgen, nach Mittag, nach Abend
 Und nicht fanden, nicht fanden, nicht fanden
 Wo ein Schatten sie kühlete.

 Wenn sie auf unmitleidigen Sand hin-
 ab sich stürzten und strekten und weinten.
 Ach die Thränen rolleten auf und nieder
 So heiß war der Sand.

 Komm der Christen Erretter und Vater,
 Komm du Gott in verachteter Bildung!
 Komm und zeige der Demuth geheime
 Pfade mir an.

 Führe mich weit und nieder hinunter
 In ihre dunkeln Schattenthale
 Voll lebendiger springender Brunnen,
 Wo die Einsamkeit oder die Freude
 Also lispelt:

 Komm’ gerösteter Laurentius
 Unglükseeliger Sterblicher!
 Ruh’ von deinem Streben nach Unglük,
 Ruhe hier aus.

 Oder wenn von glüklicherm Streben
 Du zu ruhen, Beruf in dir fühlest,
 Wenn deine Flügel sinken,
 Wenn deine Federkraft sich zurüksehnt,
 Du die Gebeine nur fühlst, der Geister
 All entledigt — Gerippe –
 Ruhe hier aus!

 Horch! hier singen die Nachtigallen,
 Auch Geschöpfe, wie du, und beßer,
 Denn ein Gott hat sie singen gelehrt
 Und sie dachten doch nie daran, ob sie
 Beßer sängen als andre.

 Hier, hier Sterblicher! sieh hier rauschen
 Quellen in lieblichen Melodien,
 Jede den ihr bezeichneten Weg hin
 Ohne Gefahr.

 Serge MarshennikovSieh hier blühen die Blumen wie Mädgen
 In ihrer ersten Jugend-Unschuld,
 Unverdorbene Lilien-Mädgen;
 Ja sie blühen und lächeln und buhlen
 Ungesehen und unbewundert
 Mit den Winden der lauen Luft!

 Lerne von ihnen, für wen blühn sie?
 Für den Gott, der sie blühen machte
 All in ihrer unnachahmlichen
 Blumen Naivetät.

 Sieh den Weg an! irrte hier jemals
 Ein animalischer Fuß?
 Blüh’n doch, blühen dem guten Schöpfer
 Der sie gemacht.

 Hier, hier Sterblicher! hier wo Jesus,
 Als er ein Knabe war,
 Hier wo Jesus, dein Jesus geschlummert
 Bis ins dreißigste Jahr.

 Hier wo Er aus dem Getümmel der tollen
 Plumpen Bewundrer sich hergestohlen,
 Hier seinen reinen Athem dem Vater,
 Seufzend über die Thorheit und Mühe
 Menschlicher Grillen, zurükgeschikt hat;

 Hier, hier Sterblicher! hier wo Jesus
 Von seinen Gottesthaten geruht,
 Hier, hier ruhe von den Spielen
 Deiner dir anvertrauten Kindskraft.

 Die Demuth
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