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title: "Über die Begierde des Säuglings | EPOCHE NAPOLEON"
url: "https://www.epoche-napoleon.net/werk/k/karsch/gedichte/ueber-die-begierde-des-saeuglings.html"
description: »Über die Begierde des Säuglings« ist ein Gedicht der aus Danzig stammenden Schriftstellerin Anna Louisa Karsch (1722-1791), die unter dem Namen »Die Karschin« bekannt war.
author: Michael Gnessner
date: 2014-01-31
modified: 2026-10-17
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# Über die Begierde des Säuglings | EPOCHE NAPOLEON

Über die Begierde des Säuglings
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Ob Weizen reift zu Semmel oder Kuchen,
 Darüber sorgt der Säugling nicht,
 Der einen Busen weiß zu suchen,
 Und lallend mit der Amme spricht.

Er bittet nicht um Regen oder helle
 Vom Lerchenchor durchsungne Luft,
 Wenn selbst die halbversiegte Quelle
 Zum Jupiter um Nässe ruft.

Er kennet keine Güter, des Bestrebens,
 Des Wunsches seiner Seele werth,
 Ihm ist das ganze Glück des Lebens
 Die volle Brust, die ihn ernährt.

Nach ihr verlangt er heißer als die Schaaren
 Der Römer bey dem Marc Anton
 Nach Wasser, als sie schmachtend waren,
 Und kämpfend vor den Parther flohn.

An diese Brust fällt er mit größerm Geize
 Als ein verliebter Jünglingsmund
 An Lippen, die durch ihre Reize
 Sein junges Herze machten wund.

Und wenn er nun dies erste Glück verlieret
 Und seinen ersten Kummer weint,
 Wird seine Mutter tief gerühret,
 Mit ihm zur Traurigkeit vereint.

Es dünkt ihr hart, den Säugling so zu quälen,
 Und doch ists ein nothwendig Muß:
 So weislich läßt der Himmel fehlen
 Uns Größern oft den Überfluß.

Er thät es nie, wenn nicht Sein Auge wüßte,
 Was jedem Menschen nützlich sey,
 Er nimmt die Nahrung unsrer Lüste
 Und legt uns etwas Beßres bey.