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title: "An die Ostersonne | EPOCHE NAPOLEON"
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description: »An die Ostersonne« ist ein Gedicht der aus Danzig stammenden Schriftstellerin Anna Louisa Karsch (1722-1791), die unter dem Namen »Die Karschin« bekannt war.
author: Michael Gnessner
date: 2014-01-31
modified: 2026-08-28
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# An die Ostersonne | EPOCHE NAPOLEON

An die Ostersonne
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Ostersonne! du bist schön
 Meiner Freundin aufgegangen,
 Kinder werden um sie stehn,
 Ihren Seegen zu empfangen,
 Und dazu ein buntes Ei,
 Und ich hoffe, daß sie heiter
 Wie der Ostermorgen sey,
 Hoffe, daß sie mich noch weiter
 Lieb behalten wird, ob ich
 Gleich ihr Antlitz nicht mehr sehe -
 Osterwasser läßt Sie sich
 Wol nicht schöpfen in der Nähe
 Aus der Elbe, wo du dich
 Dreymal hüpfend hast gespiegelt,
 Sie will nicht verschönert seyn -
 Grüße hat Sie fortgeflügelt,
 Und vielleicht ist einer mein
 Unter diesen Ostergrüßen,
 Und in diesem Erdenthal
 Werd ich heute Dich genießen
 Ganz gewiß zum letztenmal;
 Denn ich darf nichts mehr versuchen
 Vom gebratnen Osterlamm,
 Oder auch vom Osterkuchen;
 Ich bin wie ein Weidenstamm,
 Den der Wurm ganz hohl gefressen
 Und die Fluth halb abgespühlt
 Von dem Raum, wo er gesessen.
 Meine Seele lebt und fühlt
 Nur noch deinen Glanz, du milde
 Süße Knospenöfnerin!
 Nur mein Auge sieht noch hin
 Ins beblümte Grasgefilde,
 Bleibt noch munter, bis es bricht;
 Brechen wirds eh du vorhanden
 Wieder bist, und singen hörst:
 Von dem, den du hüpfend ehrst,
 Er sey auferstanden -
 Auferstehen soll auch ich,
 Aber ob mit diesem Leibe,
 Den du wärmest, wenn ich dich
 Sehe durch die Fensterscheibe,
 Ob mit dieser welken Haut
 Und mit diesen morschen Knochen?
 Ob mein Grab wird durchgebrochen
 Von dem Kopfe, der jezt sich
 In die Höhe kann erheben,
 Wenn die Nacht dem Tage wich
 Und du Thätigkeit gegeben
 Einer halben Welt wie mir -
 Ob du mich siehst auferstehen,
 Oder ob auch deine Zier
 Mit den Bergen untergehen,
 Mit den Thürmen stürzen muß? -
 Ach! dies kann kein Weiser sagen,
 Und ich wills auch beim Genuß
 Nicht ergrübeln, nicht erfragen,
 Will genießen deinen Glanz
 In des jungen Frühlings Tagen,
 Will mir einen Blumenkranz
 Noch um meine Schläfe winden,
 Wo sich hin und wieder nur
 Läßt ein graues Härlein finden,
 Des gestiegnen Alters Spur. -
 Soll mir nun mein Auge brechen,
 Ehe noch ein Jahr entschlüpft
 Und von dir viel Christen sprechen,
 Daß du dreimal aufgehüpft
 An des Ostertages Morgen,
 Dann hab' ich den Engel lieb,
 Der aus einer Welt voll Sorgen
 Mich in eine beßre trieb -