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title: "An den jungen Lenz | EPOCHE NAPOLEON"
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description: »An den jungen Lenz« ist ein Gedicht der aus Danzig stammenden Schriftstellerin Anna Louisa Karsch (1722-1791), die unter dem Namen »Die Karschin« bekannt war.
author: Michael Gnessner
date: 2014-01-31
modified: 2026-10-17
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# An den jungen Lenz | EPOCHE NAPOLEON

An den jungen Lenz
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Du junger Frühling kommst herab
 Vom Schöpfer, um ganz neues Leben
 Geschöpfen in die Hand zu geben.
 Das Blumen-Volk verläßt sein Grab,
 Und mit empor gehobnen Haupte
 Beschämt es den, der keinen Gott
 Und für dich selbst Vernichtung glaubte.
 Der Vogel wiederspricht des Wiedersprechers Spott.
 Die Saat mit Millionen Zungen
 Aus schwarzer Erd herauf gedrungen
 Bestätiget, was er gesungen!
 Der Linde Blätter lispeln nach;
 Die Elbe rauscht und murmelnd spricht der Bach:
 »Es ist ein Gott, der laue Winde schickte,
 Den Schnee zerschmolz, das Eis zerbrach,
 Mit jungem Grün das Ufer schmückte
 Und diese Sonne scheinen läßt!«
 Nach sanft gefallnem Frühlingsregen
 Quackt der erweckte Frosch sein Fest,
 Und Fische scherzen ihr entgegen!
 Der Hirt heißt seine Heerde leben!
 Sie weidet jugendliches Graß,
 Blöckt ihre Freuden laut, und hört ohn Unterlaß
 Sich Thal und Hügel Antwort geben!
 Die Honigträgerin verläßt ihr kleines Haus
 Und saugt den Veilchen, wenn sie düften,
 Die Süßigkeit des kleinen Kelches aus.
 Die Schwalbe kommt aus Sumpf, wie aus verschloßnen Grüften
 Einst unsre Leiber neu hervor,
 Sie baut ihr Haus von Stroh und fetter Erde,
 Und zwitschert froh dem Menschen vor,
 Daß er auch wieder leben werde!

Hoch in der Wolken lauschend Ohr
 Singt mit nie heisch gewordner Kehle
 Das aufgeschwungne Lerchenchor.

O daß der Jäger sie verfehle!
 O daß der Habicht, ihr Tyrann,
 Der Räuber in dem Vogelreiche,
 Nicht eine hasche! daß die Lerch ihm klug entweiche,
 Wie vor dem Laster weicht, ein Christ, ein weiser Mann!