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title: "An den Herrn Kanonikus Gleim | EPOCHE NAPOLEON"
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description: »An den Herrn Kanonikus Gleim« ist ein Gedicht der aus Danzig stammenden Schriftstellerin Anna Louisa Karsch (1722-1791), die unter dem Namen »Die Karschin« bekannt war.
author: Michael Gnessner
date: 2014-01-31
modified: 2026-10-17
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# An den Herrn Kanonikus Gleim | EPOCHE NAPOLEON

An den Herrn Kanonikus Gleim
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Sie eilt, wir müssen sie haschen
 O Freund, die fliehende Zeit,
 Komm zum befruchteten Garten,
 Der Herbst hat Freuden für uns.

Brich diese lockende Äpfel:
 Sie lächeln unter dem Laub,
 Wie Wangen blühender Mädchen,
 Für Dich gereifet, hervor.

Die schlanken, neidischen Äste,
 Für Deine Griffe zu hoch;
 Hilf mit dem hüpfenden Fuße
 Der Hand, und pflücke die Frucht.

Du hast sie. Lohnender Arbeit
 Verrichtung nennen wir Lust.
 Wie viel bestrebten sich Hände
 Nach Deinem Herzen umsonst!

Sieh diesen höckrigten Apfel:
 Wie seine Brüder geblüht
 Hat er in währender Bildung,
 Und dennoch ward er ein Zwerg.

In seinem Fleische genähret
 Ward der fortfressende Wurm:
 So wächst mit kommenden Tagen
 Im Knaben Bosheit herauf,

Der nicht vom Hauche des Lebens,
 Als ein kaum werdender Mensch,
 Zu großen schönen Gedanken
 Beseelt geworden, wie Du.

Sieh der hartschäligen Nüsse
 Herunterfallen vom Baum:
 Ihn zwingt der schlagende Jüngling,
 Sonst würf er keine herab.

So schließt der Geizige treulich
 Ans Herz gesammeltes Gold,
 Verschließt die kargende Rechte
 Dem Armen, welcher ihn fleht.

Darbt im Besitze des Reichthums,
 Schmeckt nie den köstlichen Wein,
 Und nie den süßeren Nektar
 Der Freundschaft, die er nicht fühlt.

Laß ihm die magere Wollust.
 Er ruh auf todtem Metall:
 Wir, in der deckenden Laube,
 Beneiden Könige nicht.

Genieß mit Augen des Geizes
 Das bald hinsterbende Grün
 Im Garten unter den Bäumen.
 Schon macht der nächtliche Reif

Die Blätter alle zu Kranken:
 So reißt die mächtige Zeit,
 Und ein durchdringendes Fieber
 Den Reiz vom Menschen dahin.