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title: "Der blinde Sänger | EPOCHE NAPOLEON"
url: "https://www.epoche-napoleon.net/werk/h/hoelderlin/gedichte06/01-1/24.html"
description: Das Gedicht »Der blinde Sänger« wurde vom Schriftsteller Friedrich Hölderlin (1770-1843) während der Jahre 1800 bis 1806 verfasst.
author: Michael Gnessner
date: 2025-01-11
modified: 2026-08-28
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# Der blinde Sänger | EPOCHE NAPOLEON

####  Gedichte

###  Gedichte nach 1800

 Der blinde Sänger
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Ελυσεν αινον αχος απ᾽ ομματων Αρης

Sophokles

Wo bist du, Jugendliches! das immer mich
 Zur Stunde weckt des Morgens, wo bist du, Licht!
 Das Herz ist wach, doch bannt und hält in
 Heiligem Zauber die Nacht mich immer.

Sonst lauscht ich um die Dämmerung gern, sonst harrt
 Ich gerne dein am Hügel, und nie umsonst!
 Nie täuschten mich, du Holdes, deine
 Boten, die Lüfte, denn immer kamst du,

Kamst allbeseligend den gewohnten Pfad
 Herein in deiner Schöne, wo bist du, Licht!
 Das Herz ist wieder wach, doch bannt und
 Hemmt die unendliche Nacht mich immer.

Mir grünten sonst die Lauben; es leuchteten
 Die Blumen, wie die eigenen Augen, mir;
 Nicht ferne war das Angesicht der
 Meinen und leuchtete mir und droben

Und um die Wälder sah ich die Fittige
 Des Himmels wandern, da ich ein Jüngling war;
 Nun sitz ich still allein, von einer
 Stunde zur anderen, und Gestalten

Aus Lieb und Leid der helleren Tage schafft
 Zur eignen Freude nun mein Gedanke sich,
 Und ferne lausch ich hin, ob nicht ein
 Freundlicher Retter vielleicht mir komme.

Dann hör ich oft die Stimme des Donnerers
 Am Mittag, wenn der eherne nahe kommt,
 Wenn ihm das Haus bebt und der Boden
 Unter ihm dröhnt und der Berg es nachhallt.

Den Retter hör ich dann in der Nacht, ich hör
 Ihn tötend, den Befreier, belebend ihn,
 Den Donnerer vom Untergang zum
 Orient eilen und ihm nach tönt ihr,

Ihm nach, ihr meine Saiten! es lebt mit ihm
 Mein Lied und wie die Quelle dem Strome folgt,
 Wohin er denkt, so muß ich fort und
 Folge dem Sicheren auf der Irrbahn.

Wohin? wohin? ich höre dich da und dort,
 Du Herrlicher! und rings um die Erde tönts.
 Wo endest du? und was, was ist es
 Über den Wolken und o wie wird mir?

Tag! Tag! du über stürzenden Wolken! sei
 Willkommen mir! es blühet mein Auge dir.
 O Jugendlicht! o Glück! das alte
 Wieder! doch geistiger rinnst du nieder,

Du goldner Quell aus heiligem Kelch! und du,
 Du grüner Boden, friedliche Wieg! und du,
 Haus meiner Väter! und ihr Lieben,
 Die mir begegneten einst, o nahet,

O kommt, daß euer, euer die Freude sei,
 Ihr alle, daß euch segne der Sehende!
 O nimmt, daß ichs ertrage, mir das
 Leben, das Göttliche mir vom Herzen.