---
title: "Stimme des Volks | EPOCHE NAPOLEON"
url: "https://www.epoche-napoleon.net/werk/h/hoelderlin/gedichte06/01-1/23.html"
description: Das Gedicht »Stimme des Volks« wurde vom Schriftsteller Friedrich Hölderlin (1770-1843) während der Jahre 1800 bis 1806 verfasst.
author: Michael Gnessner
date: 2025-01-11
modified: 2026-08-28
---

# Stimme des Volks | EPOCHE NAPOLEON

####  Gedichte

###  Gedichte nach 1800

 Stimme des Volks
==================

Du seiest Gottes Stimme, so glaubt ich sonst,
 In heilger Jugend; ja und ich sag es noch!
 Um unsre Weisheit unbekümmert
 Rauschen die Ströme doch auch, und dennoch,

Wer liebt sie nicht? und immer bewegen sie
 Das Herz mir, hör ich ferne die Schwindenden,
 Die Ahnungsvollen, meine Bahn nicht,
 Aber gewisser ins Meer hin eilen.

Denn selbstvergessen, allzubereit, den Wunsch
 Der Götter zu erfüllen, ergreift zu gern,
 Was sterblich ist und einmal offnen
 Auges auf eigenem Pfade wandelt,

Ins All zurück die kürzeste Bahn, so stürzt
 Der Strom hinab, er suchet die Ruh, es reißt,
 Es ziehet wider Willen ihn von
 Klippe zu Klippe, den Steuerlosen,

Das wunderbare Sehnen dem Abgrund zu,
 Und kaum der Erd entstiegen, desselben Tags
 Kehrt weinend zum Geburtort schon aus
 Purpurner Höhe die Wolke wieder.

Und Völker auch ergreifet die Todeslust,
 Und Heldenstädte sinken; die Erde grünt
 Und stille vor den Sternen liegt, den
 Betenden gleich, in den Staub geworfen,

Freiwillig überwunden die lange Kunst
 Vor jenen Unnachahmbaren da; er selbst,
 Der Mensch, mit eigner Hand zerbrach, die
 Hohen zu ehren, sein Werk, der Künstler.

Doch minder nicht sind jene den Menschen hold,
 Sie lieben wieder, so, wie geliebt sie sind,
 Und hemmen öfters, daß er lang im
 Lichte sich freue, die Bahn des Menschen.

Und wie des Adlers Jungen, er wirft sie selbst,
 Der Vater, aus dem Neste, damit sie sich
 Im Felde Beute suchen, so auch
 Treiben uns lächelnd hinaus die Götter.

Wohl allen, die zur Ruhe gegangen sind
 Und vor der Zeit gefallen, auch sie, auch sie
 Geopfert gleich den Erstlingen der
 Ernte, sie haben ihr Teil gewonnen!

Nicht, o ihr Teuern, ohne die Wonnen all
 Des Lebens gingt ihr unter, ein Festtag ward
 Noch Einer euch zuvor, und dem gleich
 Haben die anderen keins gefunden.

Doch sichrer ists und größer und ihrer mehr,
 Die allen alles ist, der Mutter wert,
 In Eile zögernd, mit des Adlers
 Lust die geschwungnere Bahn zu wandeln.

Drum weil sie fromm ist, ehr ich den Himmlischen
 Zu lieb des Volkes Stimme, die ruhige,
 Doch um der Götter und der Menschen
 Willen, sie ruhe zu gern nicht immer!