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title: "Dichterberuf | EPOCHE NAPOLEON"
url: "https://www.epoche-napoleon.net/werk/h/hoelderlin/gedichte06/01-1/22.html"
description: Das Gedicht »Dichterberuf« wurde vom Schriftsteller Friedrich Hölderlin (1770-1843) während der Jahre 1800 bis 1806 verfasst.
author: Michael Gnessner
date: 2025-01-11
modified: 2026-08-28
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# Dichterberuf | EPOCHE NAPOLEON

####  Gedichte

###  Gedichte nach 1800

 Dichterberuf
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Des Ganges Ufer hörten des Freudengotts
 Triumph, als allerobernd vom Indus her
 Der junge Bacchus kam, mit heilgem
 Weine vom Schlafe die Völker weckend.

Und du, des Tages Engel! erweckst sie nicht,
 Die jetzt noch schlafen? gib die Gesetze, gib
 Uns Leben, siege, Meister, du nur
 Hast der Eroberung Recht, wie Bacchus.

Nicht, was wohl sonst des Menschen Geschick und Sorg
 Im Haus und unter offenem Himmel ist,
 Wenn edler, denn das Wild, der Mann sich
 Wehret und nährt! denn es gilt ein anders,

Zu Sorg und Dienst den Dichtenden anvertraut!
 Der Höchste, der ists, dem wir geeignet sind,
 Daß näher, immerneu besungen
 Ihn die befreundete Brust vernehme.

Und dennoch, o ihr Himmlischen all, und all
 Ihr Quellen und ihr Ufer und Hain' und Höhn,
 Wo wunderbar zuerst, als du die
 Locken ergriffen, und unvergeßlich

Der unverhoffte Genius über uns
 Der schöpferische, göttliche kam, daß stumm
 Der Sinn uns ward und, wie vom
 Strahle gerührt, das Gebein erbebte,

Ihr ruhelosen Taten in weiter Welt!
 Ihr Schicksalstag', ihr reißenden, wenn der Gott
 Stillsinnend lenkt, wohin zorntrunken
 Ihn die gigantischen Rosse bringen,

Euch sollten wir verschweigen, und wenn in uns
 Vom stetigstillen Jahre der Wohllaut tönt,
 So sollt es klingen, gleich als hätte
 Mutig und müßig ein Kind des Meisters

Geweihte, reine Saiten im Scherz gerührt?
 Und darum hast du, Dichter! des Orients
 Propheten und den Griechensang und
 Neulich die Donner gehört, damit du

Den Geist zu Diensten brauchst und die Gegenwart
 Des Guten übereilest, in Spott, und den Albernen
 Verleugnest, herzlos, und zum Spiele
 Feil, wie gefangenes Wild, ihn treibest?

Bis aufgereizt vom Stachel im Grimme der
 Des Ursprungs sich erinnert und ruft, daß selbst
 Der Meister kommt, dann unter heißen
 Todesgeschossen entseelt dich lässet.

Zu lang ist alles Göttliche dienstbar schon
 Und alle Himmelskräfte verscherzt, verbraucht
 Die Gütigen, zur Lust, danklos, ein
 Schlaues Geschlecht und zu kennen wähnt es,

Wenn ihnen der Erhabne den Acker baut,
 Das Tagslicht und den Donnerer, und es späht
 Das Sehrohr wohl sie all und zählt und
 Nennet mit Namen des Himmels Sterne.

Der Vater aber decket mit heilger Nacht,
 Damit wir bleiben mögen, die Augen zu.
 Nicht liebt er Wildes! Doch es zwinget
 Nimmer die weite Gewalt den Himmel.

Noch ists auch gut, zu weise zu sein. Ihn kennt
 Der Dank. Doch nicht behält er es leicht allein,
 Und gern gesellt, damit verstehn sie
 Helfen, zu anderen sich ein Dichter.

Furchtlos bleibt aber, so er es muß, der Mann
 Einsam vor Gott, es schützet die Einfalt ihn,
 Und keiner Waffen brauchts und keiner
 Listen, so lange, bis Gottes Fehl hilft.