---
title: "Der Mensch | EPOCHE NAPOLEON"
url: "https://www.epoche-napoleon.net/werk/h/hoelderlin/gedichte04/44.html"
description: Das Gedicht »Der Mensch« wurde vom Schriftsteller Friedrich Hölderlin (1770-1843) während seiner Zeit in Frankfurt in den Jahren 1796 und 1798 verfasst.
author: Michael Gnessner
date: 2024-12-04
modified: 2026-08-28
---

# Der Mensch | EPOCHE NAPOLEON

####  Gedichte

###  Frankfurt

 Der Mensch
============

Kaum sproßten aus den Wassern, o Erde, dir
 Der jungen Berge Gipfel und dufteten
 Lustatmend, immergrüner Haine
 Voll, in des Ozeans grauer Wildnis

Die ersten holden Inseln; und freudig sah
 Des Sonnengottes Auge die Neulinge,
 Die Pflanzen, seiner ewgen Jugend
 Lächelnde Kinder, aus dir geboren.

Da auf der Inseln schönster, wo immerhin
 Den Hain in zarter Ruhe die Luft umfloß,
 Lag unter Trauben einst, nach lauer
 Nacht, in der dämmernden Morgenstunde

Geboren, Mutter Erde! dein schönstes Kind; —
 Und auf zum Vater Helios sieht bekannt
 Der Knab', und wacht und wählt, die süßen
 Beere versuchend, die heil'ge Rebe

Zur Amme sich; und bald ist er groß; ihn scheun
 Die Tiere, denn ein anderer ist, wie sie,
 Der Mensch; nicht dir und nicht dem Vater
 Gleicht er, denn kühn ist in ihm und einzig

Des Vaters hohe Seele mit deiner Lust,
 O Erd'! und deiner Trauer von je vereint;
 Der Göttermutter, der Natur, der
 Allesumfassenden möcht er gleichen!

Ach! darum treibt ihn, Erde! vom Herzen dir
 Sein Übermut, und deine Geschenke sind
 Umsonst und deine zarten Bande;
 Sucht er ein Besseres doch, der Wilde!

Von seines Ufers duftender Wiese muß
 Ins blütenlose Wasser hinaus der Mensch;
 Und glänzt auch, wie die Sternenacht, von
 Goldenen Früchten sein Hain, doch gräbt er

Sich Höhlen in den Bergen und späht im Schacht,
 Von seines Vaters heiterem Lichte fern,
 Dem Sonnengott auch ungetreu, der
 Knechte nicht liebt und der Sorge spottet.

Denn freier atmen Vögel des Walds, wenn schon
 Des Menschen Brust sich herrlicher hebt, und der
 Die dunkle Zukunft sieht, er muß auch
 Sehen den Tod und allein ihn fürchten.

Und Waffen wider alle, die atmen, trägt
 In ewigbangem Stolze der Mensch; im Zwist
 Verzehrt er sich und seines Friedens
 Blume, die zärtliche, blüht nicht lange.

Ist er von allen Lebensgenossen nicht
 Der seligste? Doch tiefer und reißender
 Ergreift das Schicksal, allausgleichend,
 Auch die entzündbare Brust dem Starken.