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title: "Die Bücher der Zeiten | EPOCHE NAPOLEON"
url: "https://www.epoche-napoleon.net/werk/h/hoelderlin/gedichte02/02.html"
description: Das Gedicht »Die Bücher der Zeiten« wurde vom Schriftsteller Friedrich Hölderlin (1770-1843) während seiner Tübinger Studienjahre zwischen 1788 und 1793 verfasst.
author: Michael Gnessner
date: 2024-12-04
modified: 2026-08-28
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# Die Bücher der Zeiten | EPOCHE NAPOLEON

####  Gedichte

 Die Bücher der Zeiten
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Herr! Herr!
 Unterwunden hab' ich mich,
 Zu singen dir
 Bebenden Lobgesang.

Dort oben
 In all der Himmel höchstem Himmel,
 Hoch über dem Siriusstern,
 Hoch über Uranus Scheitel,

Wo von Anbeginn
 Wandelte der heilige Seraph
 Mit feirender, erbebender Anbetung
 Ums Heiligtum des Unnennbaren,

Da steht im Heiligtum ein Buch
 Und im Buche geschrieben
 All die Millionenreihen
 Menschentage —

Da steht geschrieben —
 Länderverwüstung und Völkerverheerung,
 Und feindliches Kriegergemetzel,
 Und würgende Könige —
 Mit Roß und Wagen,
 Und Reuter und Waffen,
 Und Szepter um sich her;
 Und giftge Tyrannen,
 Mit grimmigem Stachel,
 Tief in der Unschuld Herz.
 Und schröckliche Fluten
 Verschlingend die Frommen,
 Verschlingend die Sünder,
 Zerreißend die Häuser
 Der Frommen, der Sünder.
 Und fressende Feuer —
 Paläste und Türme
 Mit ehernen Toren,
 Gigantischen Mauern
 Zernichtend im Augenblick.
 Geöffnete Erden
 Mit schwefelndem Rachen
 Ins rauchende Dunkel
 Den Vater, die Kinder,
 Die Mutter, den Säugling,
 In Wehegeröchel
 Und Sterbegewinsel
 Hinuntergurgelnd. —

Da steht geschrieben
 Vatermord! Brudermord
 Säuglinge blaugewürgt!
 Greulich! Greulich!
 Um ein Linsengericht
 Därmzerfressendes Gift
 Dem guten, sicheren Freund gemischt. —
 Hohlaugigte Krüppel,
 Ihrer Onansschande
 Teuflische Opfer -.
 Kannibalen
 Von Menschenbraten gemästet —
 Nagend an Menschengebein,
 Aus Menschenschädel saufend
 Rauchendes Menschenblut.
 Wütendes Schmerzgeschrei
 Der Geschlachteten über dem
 Bauchzerschlitzenden Messer.
 Des Feindes Jauchzen
 Über dem Wohlgeruch,
 Welcher warm dampft
 Aus dem Eingeweid. —

Da steht geschrieben —
 Die Verzweiflung schwarz
 Am Strick um Mitternacht
 Noch im quälenden Lebenskampf
 Die Seel — am höllenahenden Augenblick.

Da steht geschrieben —
 Der Vater verlassend
 Weib und Kind im Hunger,
 Zustürzend im Taumel
 Dem lockenden süßlichen Lasterarm. —
 Im Staub das Verdienst
 Zurück von der Ehre
 Ins Elend gestoßen
 Vom Betrüger —
 Im Lumpengewand
 Einher der Wanderer,
 Bettelnahrung zu suchen
 Dem zerstümmelten Gliederbau.

Da steht geschrieben
 Des heitern, rosigen Mädchens
 Grabenaher Fieberkampf;
 Der Mutter Händeringen,
 Des donnergerührten Jünglings
 Wilde stumme Betäubung.

(Eine Pause im Gefühl)

Furchtbarer, Furchtbarer!
 Das all, all im Buche geschrieben,
 Furchtbarer, Furchtbarer!

Ha die Greuel des Erdgeschlechts!
 Richter! Richter!
 Warum vertilgt mit dem Flammenschwert
 All die Greuel von der Erde
 Der Todesengel nicht?

Gerechter, sieh, die Gerichte
 Treffen den Frommen, den Sünder,
 Die Fluten, die Feuer,
 Die Erdegerichte all'.

Aber sieh, ich schweige —
 Das sei dir Lobgesang!
 Du, der du lenkst
 Mit weiser, weiser Allmachtshand
 Das bunte Zeitengewimmel.

(Wieder eine Pause)

Halleluja, Halleluja,
 Der da denkt
 Das bunte Zeitengewimmel,
 Ist Liebe!!!
 Hörs Himmel und Erde!
 Unbegreiflich Liebe!

Es steht im Heiligtum ein Buch
 Und im Buche geschrieben
 All die Millionenreihen
 Menschentage —

Da steht geschrieben
 Jesus Christus Kreuzestod!
 Des Sohnes Gottes Kreuzestod!
 Des Lamms auf dem Throne Kreuzestod!
 Selig zu machen alle Welt,
 Engelswonne zu geben
 Seinen Glaubigen. —
 Der Seraphim, Cherubim
 Staunende Still
 Weit in den Himmelsgefilden umher —
 Des Harfenklangs Verstummen,
 Kaum atmend der Strom ums Heiligtum.
 Anbetung — Anbetung —
 Über des Sohnes Werk,
 Welcher erlöst
 Ein gefallen Greuelgeschlecht.

Da steht geschrieben —
 Der gestorben ist,
 Jesus Christus,
 Abschüttelnd im Felsen den Tod!
 Heraus in der Gotteskraft Allgewalt!
 Und lebend — lebend
 Zu rufen dereinst dem Staub:
 Kommet wieder, Menschenkinder!
 Jetzt tönt die Posaun'
 Ins unabsehliche Menschengewimmel
 Zum Richtstuhl hinan! Zum Richtstuhl!
 Zum Lohn, der aufstellt
 Der Gerechtigkeit Gleichgewicht!

Jammerst du jetzt noch, Frommer?
Unter der Menschheit Druck?
Und, Spötter, spottest du
In tanzenden Freuden
Noch des furchtbarn Richtstuhls?

Da steht geschrieben —
 Menschliches Riesenwerk,
 Stattlich einherzugehn
 Auf Meerestiefen!
 Ozeanswanderer! Stürmebezwinger!
 Schnell mit der Winde Fron
 Niegesehene Meere
 Ferne von Menschen und Land
 Mit stolzen brausenden Segeln
 Und schaurlichen Masten durchkreuzend.
 Leviathanserleger
 Lachend des Eisgebürgs,
 Weltenentdecker
 Niegedacht von Anbeginn.

Da steht geschrieben —
 Völkersegen,
 Brots die Fülle,
 Lustgefilde
 Überall —
 Allweit Freude
 Niederströmend
 Von der guten
 Fürstenhand.