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title: "Vor dem Vesperbilde | EPOCHE NAPOLEON"
url: "https://www.epoche-napoleon.net/werk/h/hensel/gedichte/54.html"
description: »Vor dem Vesperbilde« verfasste die religiöse Schriftstellerin Luise Hensel (1798-1876) im Jahre 1854 in Wiedenbrück. Text nach der Ausgabe ihrer »Lieder« von 1879.
author: Michael Gnessner
date: 2019-02-17
modified: 2026-10-17
type: article
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# Vor dem Vesperbilde | EPOCHE NAPOLEON

Vor dem Vesperbilde
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Seh' ich Dir im Schooß die bleiche
 Blutgefärbte Gottesleiche
 Mit den Wunden ohne Zahl,
 Wag' ich nicht, den Blick zu heben,
 Muß in tiefster Brust erbeben,
 Fühle Scham und Reuequal.

 Denn *ich* bin's, die Ihn geschlagen,
 Bin der Grund von Deinen Klagen,
 Von der namenlosen Qual,
 Die Dein reines Auge röthet;
 Denn ich habe Ihn getödtet –
 Weh! mit Sünden ohne Zahl.

 Schmerzensmutter! Reine! Milde!
 Ja, ich will vor Deinem Bilde
 Laut bekennen den Verrath.
 Wollt' ich meine Schuld verschweigen,
 Müßten selbst die Steine zeugen
 Wider meine Missethat.

 Wisse: dreiunddreißig Jahre
 Liebte mich der Wunderbare,
 Er, Dein Sohn und Gottes Sohn,
 Hat um mich gedient, gelitten,
 Wider meinen Feind gestritten
 Und – mein Undank war Sein Lohn.

 O, wie hat er treu geliebet!
 Hat sich in den Tod betrübet,
 Weil ich Liebe Ihm versagt!
 Ist in bitt'rer Schmach gestorben,
 Hat mit Blut um mich geworben,
 Ach! um *mich*, die ärmste Magd. –

 Doch fortan nun Dir zu Füßen
 Will ich mit Dir weinen, büßen,
 Daß ich Dir erschlug den Sohn.
 Woll'st, o Milde! für mich flehen,
 Daß gesühnt ich möge stehen
 Selig einst vor Seinem Thron.

Wiedenbrück, 1854.