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title: "Nächtliches Wiegenlied | EPOCHE NAPOLEON"
url: "https://www.epoche-napoleon.net/werk/h/hensel/gedichte/37.html"
description: »Nächtliches Wiegenlied« verfasste die religiöse Schriftstellerin Luise Hensel (1798-1876) im Winter 1817 in Berlin. Text nach der Ausgabe ihrer »Lieder« von 1879.
author: Michael Gnessner
date: 2019-02-17
modified: 2026-10-17
type: article
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# Nächtliches Wiegenlied | EPOCHE NAPOLEON

Nächtliches Wiegenlied
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Lieb Knäblein schlaf'! Ich wache gern,
 O schlaf', mein armes Kind!
 Am Himmel steht der Abendstern,
 Der sieht recht lieb und lind.
 Es sehn ja alle Sterne
 Mein bleiches Kindlein gerne.
 Schlaf' ein, mein frommes Kind!

 Ja, schlaf' in Gottes Namen ein,
 Die Aeuglein schließe zu;
 Dann sehn die lichten Engelein
 Herab auf Deine Ruh. –
 Da draußen wehn die Bäume,
 Sie rauschen bunte Träume. –
 Ach, thu' die Aeuglein zu! –

 Lang ist's schon, daß mein armes Herz
 Der süße Schlummer flieht
 Und daß auf meinen stillen Schmerz
 Der Mond hernieder sieht.
 Mein Waislein, bleib doch liegen,
 Will Dich als Mutter wiegen;
 Horch' auf ein neues Lied!

 Aus theurem Grabe wuchs ein Reis,
 Das war so zart und fein;
 Ich pflanzt' es in mein Beet mit Fleiß
 Und sah es schön gedeih'n;
 Nun nagt an seinem Herzen
 Ein böser Wurm mit Schmerzen,
 Nun welkt es mir zur Pein.

 Wol träumt ich manchen schönen Traum
 Von meinem lieben Reis:
 Ich hofft', es werd' ein hoher Baum
 Zu Gottes Ehr' und Preis,
 Der, dacht' ich, wird in Stürmen
 Viel schwache Bäumlein schirmen
 Umher im weiten Kreis. –

 Mein Hoffen seh' ich nun vergehn:
 Es welkt mein Zweigelein,
 Und seh doch andre Reislein stehn,
 Die nicht so lieb und fein. –
 O, schlaf', mein armer Knabe!
 Die Mutter schläft im Grabe
 Und denkt im Himmel Dein.

Berlin, Winter 1817.