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title: "Anne-Marie | EPOCHE NAPOLEON"
url: "https://www.epoche-napoleon.net/werk/h/hensel/gedichte/04.html"
description: »Anne-Marie« verfasste die religiöse Schriftstellerin Luise Hensel (1798-1876) nach 1858 in Wiedenbrück. Text nach der Ausgabe ihrer »Lieder« von 1879.
image: "https://www.epoche-napoleon.net/fileadmin/bilder/Biographien/Hensel_Louisa.jpg"
author: Michael Gnessner
date: 2019-02-15
modified: 2026-10-17
type: article
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# Anne-Marie | EPOCHE NAPOLEON

Anne-Marie
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Sie zog mit kleiner Habe
 Zum reichen Bauern hin,
 Doch manche schöne Gabe
 Hat ihr Natur verliehn.

 Des Hofes jungem Erben
 Lacht sie in's Herz hinein;
 Und lieber will er sterben,
 Als eine And're frei'n.

 Der harte Vater schmähet
 Und treibt die Magd hinaus;
 Wie auch der Jüngling flehet,
 Die Maid verläßt das Haus.

 Sie dient im Nachbarhause
 Um kärglichen Gewinn,
 Und Nachts aus armer Klause
 Schaut sie zum Hofe hin.

 Der breitet weit und düster
 Vor ihrem Blick sich aus.
 Der Birnbaum und die Rüster
 Verdecken schier das Haus.

 Und wenn ein trübes Leuchten
 Sich durch die Zweige bricht,
 Dann reiche Thränen feuchten
 Das stille Angesicht.

 Im Herzen nagt der Jammer,
 Zernagt des Lebens Kern.
 Bald trägt zur armen Kammer
 Der Priester Gott, den Herrn. –

 Als Braut des Bauernsohnes
 Verschmäht, du arme Maid,
 Bist werth du nun des Thrones
 Der höchsten Herrlichkeit.

 Er, aller Himmel König,
 Hat dich zur Braut erwählt;
 *Ihm* bist du nicht zu wenig,
 *Er* hat sich dir vermählt.

 O, lache nun der Thränen,
 Die thöricht du geweint,
 Als noch dein krankes Sehnen
 Den Erdensohn gemeint.

 O, schlage hoch die Schwingen,
 Die mild der Tod befreit:
 Du sollst nun aufwärts dringen
 Zum Thron, der dir bereit. –

 Die Glocken *festlich* läuten,
 Die Jungfrau'nkerze scheint,
 Geschmückt die Träger schreiten,
 Und manches Auge weint.

 Die Priester milde beten
 Und gehn dem Zug voran,
 Und die Gespielen treten
 Im *Feierkleid* heran.

 Es schwankt vor *seiner* Thüre
 Die Bahre hoch empor –
 Ob dort wohl Einer spüre,
 Daß er ein *Herz* verlor?

 Und ist *mir* anders auch das Loos gefallen,
 Und hab' ich *deine* Thränen nie geweint,
 Doch will ich treu mit deinem Zuge wallen,
 Den armen Deinen gern dabei geeint.

 Und wenn der Priester zum Altar getreten,
 Das heil'ge Sühnungsopfer Gott zu weihn,
 Will ich mein *de profundis* fromm dir beten,
 Daß froh du eingehst zu der Sel'gen Reih'n.

 O bet' auch, Schwester, du mit sel'gem Munde,
 Daß treu ich wandle, wie die Kirche lehrt,
 Und daß mir gnadenvoll in letzter Stunde
 Der Herr im Sacramente sich bescheert. Amen.

Wiedenbrück, nach 1858.