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title: "Rinaldo | EPOCHE NAPOLEON"
url: "https://www.epoche-napoleon.net/werk/g/goethe/gedichte1827/12/04.html"
author: Michael Gnessner
date: 2025-02-21
modified: 2025-05-24
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# Rinaldo | EPOCHE NAPOLEON

Rinaldo
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###  Entstanden 1811, Erstdruck 1815.

Chor

 Zu dem Strande! zu der Barke!
 Ist euch schon der Wind nicht günstig,
 Zu den Rudern greifet brünstig!
 Hier bewähre sich der Starke:
 So das Meer durchlaufen wir.

Rinaldo

O laßt mich einen Augenblick noch hier!
Der Himmel will es nicht, ich soll nicht scheiden.
Der wüste Fels, die waldumwachsne Bucht
Befangen mich, sie hindern meine Flucht.
Ihr wart so schön, nun seid ihr umgeboren,
Der Erde Reiz, des Himmels Reiz ist fort.
Was hält mich noch am Schreckensort?
Mein einzig Glück, hier hab ich es verloren.
 Stelle her der goldnen Tage
 Paradiese noch einmal,
 Liebes Herz! ja schlage, schlage!
 Treuer Geist, erschaff sie wieder!
 Freier Atem, deine Lieder
 Mischen sich mit Lust und Qual.
 Bunte reich geschmückte Beete
 Sie umzingelt ein Palast;
 Alles webt in Duft und Röte,
 Wie du nie geträumet hast.
 Rings umgeben Galerien
 Dieses Gartens weite Räume;
 Rosen an der Erde blühen,
 In den Lüften blühn die Bäume.
 Wasserstrahlen! Wasserflocken!
 Lieblich rauscht ein Silberschwall;
 Mit der Turteltaube Locken
 Lockt zugleich die Nachtigall.

Chor

Sachte kommt! und kommt verbunden
Zu dem edelsten Beruf:
Alle Reize sind verschwunden,
Die sich Zauberei erschuf.
Ach, nun heilet seine Wunden,
Ach, nun tröstet seine Stunden
Gutes Wort und Freundesruf.

Rinaldo

 Mit der Turteltaube Locken
 Lockt zugleich die Nachtigall;
 Wasserstrahlen, Wasserflocken
 Wirbeln sich nach ihrem Schall.
 Aber alles verkündet:
 Nur Sie ist gemeinet;
 Aber alles verschwindet,
 Sobald sie erscheinet
 In lieblicher Jugend,
 In glänzender Pracht.
 Da schlingen zu Kränzen
 Sich Lilien und Rosen;
 Da eilen und kosen
 In lustigen Tänzen
 Die laulichen Lüfte,
 Sie führen Gedüfte,
 Sich fliehend und suchend,
 Vom Schlummer erwacht.

Chor

Nein! nicht länger ist zu säumen,
Wecket ihn aus seinen Träumen,
Zeigt den diamantnen Schild!

Rinaldo

Weh! was seh ich, welch ein Bild!

Chor

Ja, es soll den Trug entsiegeln.
Rinaldo
Soll ich also mich bespiegeln,
Mich so tief erniedrigt sehn?

Chor

Fasse dich, so ists geschehn.

Rinaldo

Ja, so seis! Ich will mich fassen,
Will den lieben Ort verlassen
Und zum zweiten Mal Armiden.
Nun so seis! so seis geschieden!

Chor

Wohl, es sei! es sei geschieden!

Teil des Chors

 Zurück nur! zurücke
 Durch günstige Meere!
 Dem geistigen Blicke
 Erscheinen die Fahnen,
 Erscheinen die Heere,
 Das stäubende Feld.

Chor

 Zur Tugend der Ahnen
 Ermannt sich der Held.

Rinaldo

 Zum zweiten Male
 Seh ich erscheinen
 Und jammern, weinen
 In diesem Tale
 Die Frau der Frauen.
 Das soll ich schauen
 Zum zweiten Male?
 Das soll ich hören,
 Und soll nicht wehren
 Und soll nicht retten?

Chor

 Unwürdige Ketten!

Rinaldo

 Und umgewandelt
 Seh ich die Holde;
 Sie blickt und handelt
 Gleichwie Dämonen,
 Und kein Verschonen
 Ist mehr zu hoffen.
 Vom Blitz getroffen
 Schon die Paläste!
 Die Götter-Feste,
 Die Lustgeschäfte
 Der Geisterkräfte,
 Mit allem Lieben
 Ach, sie zerstieben!

Chor

 Ja, sie zerstieben!

Teil des Chors

 Schon sind sie erhöret,
 Gebete der Frommen.
 Noch säumst du zu kommen?
 Schon fördert die Reise
 Der günstigste Wind.

Chor

 Geschwinde, geschwind!

Rinaldo

 Im Tiefsten zerstöret
 Ich hab euch vernommen;
 Ihr drängt mich zu kommen.
 Unglückliche Reise!
 Unseliger Wind!

Chor

 Geschwinde, geschwind!

\*

Chor

 Segel schwellen.
 Grüne Wellen,
 Weiße Schäume,
 Seht die grünen
 Weiten Räume,
 Von Delphinen
 Rasch durchschwommen.

Einer nach dem andern

 Wie sie kommen!
 Wie sie schweben!
 Wie sie eilen!
 Wie sie streben!
 Und verweilen
 So beweglich,
 So verträglich!

Zu Zweien

 Das erfrischet,
 Und verwischet
 Das Vergangne.
 Dir begegnet
 Das gesegnet
 Angefangne.

Rinaldo

 Das erfrischet,
 Und verwischet
 Das Vergangne.
 Mir begegnet
 Das gesegnet
 Angefangne.

Wiederholt zu Dreien

Alle

Wunderbar sind wir gekommen,
Wunderbar zurückgeschwommen,
Unser großes Ziel ist da!
Schalle zu dem heiligen Strande
Losung dem gelobten Lande:
Godofred und Solyma!