---
title: "Das Wiedersehn | EPOCHE NAPOLEON"
url: "https://www.epoche-napoleon.net/werk/g/goethe/gedichte1827/06/04.html"
description: Die Elegie »Das Wiedersehn« aus dem Jahre 1793 stammt aus der Feder des Schriftstellers und Dichters Johann Wolfgang von Goethe und wurde erstmals im Jahre 1795 im Druck veröffentlicht, hier in der Fassung des Jahres 1800.
author: Michael Gnessner
date: 2025-02-21
modified: 2025-05-18
---

# Das Wiedersehn | EPOCHE NAPOLEON

Das Wiedersehn
================

###  Entstanden 1793, Erstdruck 1795, hier in der Fassung von 1800.

*Er*

Süße Freundin, noch Einen, nur Einen Kuß noch gewähre
 Diesen Lippen! Warum bist du mir heute so karg?
Gestern blühte der Baum wie heute, wir wechselten Küsse
 Tausendfältig; dem Schwarm Bienen verglichst du sie ja,
Wie sie den Blüten sich nahn und saugen, schweben und wieder
 Saugen, und lieblicher Ton süßen Genusses erschallt.
Alle noch üben das holde Geschäft. Und wäre der Frühling
 Uns vorübergeflohn, eh sich die Blüte zerstreut?

*Sie*

Träume, lieblicher Freund, nur immer! rede von *gestern!*
 Gerne hör ich dich an, drücke dich redlich ans Herz.
Gestern, sagst du? – Es war, ich weiß, ein köstliches Gestern;
 Worte verklangen im Wort, Küsse verdrängten den Kuß.
Schmerzlich wars, am Abend zu scheiden, und traurig die lange
 Nacht von gestern auf heut, die den Getrennten gebot.
Doch der Morgen ist wieder erschienen. Ach! daß mir indessen
 Leider zehnmal der Baum Blüten und Früchte gebracht!