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title: "Römische Elegien - VI | EPOCHE NAPOLEON"
url: "https://www.epoche-napoleon.net/werk/g/goethe/gedichte1827/05/06.html"
description: Die VI. Elegie von XX Elegien, die zwischen 1788 und 1790 von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) nach seiner Rückkehr aus Italien verfasst und erschienen unter 1795 unter dem Titel »Elegien Rom 1788,«
author: Michael Gnessner
date: 2025-02-21
modified: 2025-05-17
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# Römische Elegien - VI | EPOCHE NAPOLEON

VI.
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###  Römische Elegien.

»Kannst du, o Grausamer! mich in solchen Worten betrüben?
 Reden so bitter und hart liebende Männer bei euch?
Wenn das Volk mich verklagt, ich muß es dulden! und bin ich
 Etwa nicht schuldig? Doch, ach! schuldig nur bin ich mit dir!
Diese Kleider, sie sind der neidischen Nachbarin Zeugen,
 Daß die Witwe nicht mehr einsam den Gatten beweint.
Bist du ohne Bedacht nicht oft bei Mondschein gekommen,
 Grau, im dunkeln Surtout, hinten gerundet das Haar?
Hast du dir scherzend nicht selbst die geistliche Maske gewählet?
 Soll's ein Prälate denn sein: gut, der Prälate bist du.
In dem geistlichen Rom, kaum scheint es zu glauben, doch schwör ich:
 Nie hat ein Geistlicher sich meiner Umarmung gefreut.
Arm war ich leider! und jung, und wohl bekannt den Verführern.
 Falconieri hat mir oft in die Augen gegafft
Und ein Kuppler Albanis mich mit gewichtigen Zetteln
 Bald nach Ostia, bald nach den Vier Brunnen gelockt.
Aber wer nicht kam, war das Mädchen. So hab ich von Herzen
 Rotstrumpf immer gehaßt und Violettstrumpf dazu.
Denn: ›Ihr Mädchen bleibt am Ende doch die Betrognen‹,
 Sagte der Vater, wenn auch leichter die Mutter es nahm.
Und so bin ich denn auch am Ende betrogen! Du zürnest
 Nur zum Scheine mit mir, weil du zu fliehen gedenkst.
Geh! Ihr seid der Frauen nicht wert! Wir tragen die Kinder
 Unter dem Herzen, und so tragen die Treue wir auch;
Aber ihr Männer, ihr schüttet mit eurer Kraft und Begierde
 Auch die Liebe zugleich in den Umarmungen aus!«
Also sprach die Geliebte und nahm den Kleinen vom Stuhle,
 Drückt' ihn küssend ans Herz, Tränen entquollen dem Blick.
Und wie saß ich beschämt, daß Reden feindlicher Menschen
 Dieses liebliche Bild mir zu beflecken vermocht!
Dunkel brennt das Feuer nur augenblicklich und dampfet,
 Wenn das Wasser die Glut stürzend und jählings verhüllt;
Aber sie reinigt sich schnell, verjagt die trübenden Dämpfe,
 Neuer und mächtiger dringt leuchtende Flamme hinauf.