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title: "Walpurgisnachtstraum | EPOCHE NAPOLEON"
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description: »Walpurgisnachtstraum« ist Teil des Dramas »Faust I« des Weimarer Schriftstellers Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832).
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author: Michael Gnessner
date: 2022-06-26
modified: 2026-08-28
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# Walpurgisnachtstraum | EPOCHE NAPOLEON

Faust. Eine Tragödie
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####  Walpurgisnachtstraum

Oder
 Oberons und Titanias goldne Hochzeit

Intermezzo

Theatermeister:

Heute ruhen wir einmal,
 Miedings wackre Söhne.
 Alter Berg und feuchtes Tal,
 Das ist die ganze Szene!

Herold:

Daß die Hochzeit golden sei,
 Solln funfzig Jahr sein vorüber;
 Aber ist der Streit vorbei,
 Das golden ist mir lieber.

Oberon:

Seid ihr Geister, wo ich bin,
 So zeigt's in diesen Stunden;
 König und die Königin,
 Sie sind aufs neu verbunden.

Puck:

Kommt der Puck und dreht sich quer
 Und schleift den Fuß im Reihen;
 Hundert kommen hinterher,
 Sich auch mit ihm zu freuen.

Ariel:

Ariel bewegt den Sang
 In himmlisch reinen Tönen;
 Viele Fratzen lockt sein Klang,
 Doch lockt er auch die Schönen.

Oberon:

Gatten, die sich vertragen wollen,
 Lernen's von uns beiden!
 Wenn sich zweie lieben sollen,
 Braucht man sie nur zu scheiden.

Titania:

Schmollt der Mann und grillt die Frau,
 So faßt sie nur behende,
 Führt mir nach dem Mittag sie,
 Und ihn an Nordens Ende.

Orchester Tutti (Fortissimo):

Fliegenschnauz und Mückennas
 Mit ihren Anverwandten,
 Frosch im Laub und Grill im Gras,
 Das sind die Musikanten!

Solo:

Seht, da kommt der Dudelsack!
 Es ist die Seifenblase.
 Hört den Schneckeschnickeschnack
 Durch seine stumpfe Nase

Geist, der sich erst bildet:

Spinnenfuß und Krötenbauch
 Und Flügelchen dem Wichtchen!
 Zwar ein Tierchen gibt es nicht,
 Doch gibt es ein Gedichtchen.

Ein Pärchen:

Kleiner Schritt und hoher Sprung
 Durch Honigtau und Düfte
 Zwar du trippelst mir genung,
 Doch geh's nicht in die Lüfte.

Neugieriger Reisender:

Ist das nicht Maskeradenspott?
 Soll ich den Augen trauen,
 Oberon, den schönen Gott,
 Auch heute hier zu schauen?

Orthodox:

Keine Klauen, keinen Schwanz!
 Doch bleibt es außer Zweifel:
 So wie die Götter Griechenlands,
 So ist auch er ein Teufel.

Nordischer Künstler:

Was ich ergreife, das ist heut
 Fürwahr nur skizzenweise;
 Doch ich bereite mich beizeit
 Zur italien'schen Reise.

Purist:

Ach! mein Unglück führt mich her:
 Wie wird nicht hier geludert!
 Und von dem ganzen Hexenheer
 Sind zweie nur gepudert.

Junge Hexe

Der Puder ist so wie der Rock
 Für alt' und graue Weibchen,
 Drum sitz ich nackt auf meinem Bock
 Und zeig ein derbes Leibchen.

Matrone:

Wir haben zu viel Lebensart
 Um hier mit euch zu maulen!
 Doch hoff ich, sollt ihr jung und zart
 So wie ihr seid, verfaulen.

Kapellmeister:

Fliegenschnauz und Mückennas
 Umschwärmt mir nicht die Nackte!
 Frosch im Laub und Grill im Gras,
 So bleibt doch auch im Takte!

Windfahne (nach der einen Seite):

Gesellschaft, wie man wünschen kann:
 Wahrhaftig lauter Bräute!
 Und Junggesellen, Mann für Mann,
 Die hoffnungsvollsten Leute!

Windfahne (nach der andern Seite):

Und tut sich nicht der Boden auf,
 Sie alle zu verschlingen,
 So will ich mit behendem Lauf
 Gleich in die Hölle springen.

Xenien:

Als Insekten sind wir da,
 Mit kleinen scharfen Scheren,
 Satan, unsern Herrn Papa,
 Nach Würden zu verehren.

Hennings:

Seht, wie sie in gedrängter Schar
 Naiv zusammen scherzen!
 Am Ende sagen sie noch gar,
 Sie hätten gute Herzen.

Musaget:

Ich mag in diesem Hexenheer
 Mich gar zu gern verlieren;
 Denn freilich diese wüßt ich eh'r
 Als Musen anzuführen.

Ci-devant Genius der Zeit:

Mit rechten Leuten wird man was.
 Komm, fasse meinen Zipfel!
 Der Blocksberg, wie der deutsche Parnaß,
 Hat gar einen breiten Gipfel.

Neugieriger Reisender:

Sagt, wie heißt der steife Mann?
 Er geht mit stolzen Schritten.
 Er schnopert, was er schnopern kann.
 »Er spürt nach Jesuiten.«

Kranich:

In dem klaren mag ich gern
 Und auch im trüben fischen;
 Darum seht ihr den frommen Herrn
 Sich auch mit Teufeln mischen.

Weltkind:

Ja, für die Frommen, glaubet mir,
 Ist alles ein Vehikel,
 Sie bilden auf dem Blocksberg hier
 Gar manches Konventikel.

Tänzer:

Da kommt ja wohl ein neues Chor?
 Ich höre ferne Trommeln.
 »Nur ungestört! es sind im Rohr
 Die unisonen Dommeln.«

Tanzmeister:

Wie jeder doch die Beine lupft!
 Sich, wie er kann, herauszieht!
 Der Krumme springt, der Plumpe hupft
 Und fragt nicht, wie es aussieht.

Fiedler:

Das haßt sich schwer, das Lumpenpack,
 Und gäb sich gern das Restchen;
 Es eint sie hier der Dudelsack,
 Wie Orpheus' Leier die Bestjen.

Dogmatiker:

Ich lasse mich nicht irre schrein,
 Nicht durch Kritik noch Zweifel.
 Der Teufel muß doch etwas sein;
 Wie gäb's denn sonst auch Teufel?

Idealist:

Die Phantasie in meinem Sinn
 Ist diesmal gar zu herrisch.
 Fürwahr, wenn ich das alles bin,
 So bin ich heute närrisch.

Realist:

Das Wesen ist mir recht zur Qual
 Und muß mich baß verdrießen;
 Ich stehe hier zum erstenmal
 Nicht fest auf meinen Füßen.

Supernaturalist:

Mit viel Vergnügen bin ich da
 Und freue mich mit diesen;
 Denn von den Teufeln kann ich ja
 Auf gute Geister schließen.

Skeptiker:

Sie gehn den Flämmchen auf der Spur
 Und glaubn sich nah dem Schatze.
 Auf Teufel reimt der Zweifel nur;
 Da bin ich recht am Platze.

Kapellmeister:

Frosch im Laub und Grill im Gras,
 Verfluchte Dilettanten!
 Fliegenschnauz und Mückennas,
 Ihr seid doch Musikanten!

Die Gewandten:

Sanssouci, so heißt das Heer
 Von lustigen Geschöpfen;
 Auf den Füßen geht's nicht mehr,
 Drum gehn wir auf den Köpfen.

Die Unbehilflichen:

Sonst haben wir manchen Bissen erschranzt,
 Nun aber Gott befohlen!
 Unsere Schuhe sind durchgetanzt,
 Wir laufen auf nackten Sohlen.

Irrlichter:

Von dem Sumpfe kommen wir,
 Woraus wir erst entstanden;
 Doch sind wir gleich im Reihen hier
 Die glänzenden Galanten.

Sternschnuppe:

Aus der Höhe schoß ich her
 Im Stern- und Feuerscheine,
 Liege nun im Grase quer –
 Wer hilft mir auf die Beine?

Die Massiven:

Platz und Platz! und ringsherum!
 So gehn die Gräschen nieder.
 Geister kommen, Geister auch,
 Sie haben plumpe Glieder.

Puck:

Tretet nicht so mastig auf
 Wie Elefantenkälber,
 Und der plumpst' an diesem Tag
 Sei Puck, der derbe, selber.

Ariel:

Gab die liebende Natur,
 Gab der Geist euch Flügel,
 Folget meiner leichten Spur,
 Auf zum Rosenhügel!

Orchester (Pianissimo):

Wolkenzug und Nebelflor
 Erhellen sich von oben.
 Luft im Laub und Wind im Rohr,
 Und alles ist zerstoben.