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title: "Zechlied | EPOCHE NAPOLEON"
url: "https://www.epoche-napoleon.net/werk/b/buerger/gedichte-1789/01/41.html"
description: Das Gedicht »Zechlied« stammt von Gottfried August Bürger (1747-1794) und gehört zu seiner Sammlung »Gedichte 1789«, die in insgesamt 3 Bänden erschien.
author: Michael Gnessner
date: 2012-12-24
modified: 2024-12-23
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# Zechlied | EPOCHE NAPOLEON

Erstes Buch - Lyrische Gedichte.
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###  Zechlied

 Ich will einst, bei Ja und Nein!
 Vor dem Zapfen sterben.
 Alles, meinen Wein nur nicht,
 Lass' ich frohen Erben.
 Nach der letzten Ölung soll
 Hefen noch mich färben.
 Dann zertrümmre mein Pokal
 In zehntausend Scherben!

 Jedermann hat von Natur
 Seine sondre Weise.
 Mir gelinget jedes Werk
 Nur nach Trank und Speise.
 Speis' und Trank erhalten mich
 In dem rechten Gleise.
 Wer gut schmiert, der fährt auch gut.
 Auf der Lebensreise.

 Ich bin gar ein armer Wicht,
 Bin die feigste Memme,
 Halten Durst und Hungerqual
 Mich in Angst und Klemme.
 Schon ein Knäbchen schüttelt mich,
 Was ich auch mich stemme.
 Einem Riesen halt' ich Stand,
 Wann ich zech' und schlemme.

 Ächter Wein ist ächtes Öl
 Zur Verstandeslampe;
 Gibt der Seele Kraft und Schwung
 Bis zum Sternenkampe.
 Witz und Weisheit dunsten auf
 Aus gefüllter Wampe.
 Baß glückt Harfenspiel und Sang,
 Wann ich brav schlampampe.

 Nüchtern bin ich immerdar
 Nur ein Harfenstümper.
 Mir erlahmen Hand und Griff,
 Welken Haupt und Wimper.
 Wann der Wein in Himmelsklang
 Wandelt mein Geklimper,
 Sind Homer und Ossian
 Gegen mich nur Stümper.

 Nimmer hat durch meinen Mund
 Hoher Geist gesungen,
 Bis ich meinen lieben Bauch
 Weidlich vollgeschlungen.
 Wann mein Kapitolium
 Bacchus Kraft erschwungen,
 Sing' und red' ich wundersam
 Gar in fremden Zungen.

 D'rum will ich, bei Ja und Nein!
 Vor dem Zapfen sterben.
 Nach der letzten Ölung soll
 Hefen noch mich färben.
 Engelchöre weihen dann
 Mich zum Nektarerben:
 »Diesen Trinker gnade Gott!
 Lass' ihn nicht verderben!«