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title: "Abendphantasie eines Liebenden | EPOCHE NAPOLEON"
url: "https://www.epoche-napoleon.net/werk/b/buerger/gedichte-1789/01/27.html"
description: Das Gedicht »Abendphantasie eines Liebenden« stammt von Gottfried August Bürger (1747-1794) und gehört zu seiner Sammlung »Gedichte 1789«, die in insgesamt 3 Bänden erschien.
author: Michael Gnessner
date: 2012-12-24
modified: 2024-12-23
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# Abendphantasie eines Liebenden | EPOCHE NAPOLEON

Erstes Buch - Lyrische Gedichte.
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###  Abendphantasie eines Liebenden

 In weiche Ruh' hinabgesunken,
 Unaufgestört von Harm und Not,
 Vom süßen Labebecher trunken,
 Den ihr der Gott des Schlummers bot,
 Noch sanft umhallt vom Abendliede
 Der Nachtigall, im Flötenton,
 Schläft meine Herzens-Adonide
 Nun ihr behäglich Schläfchen schon.

 Wohlauf, mein liebender Gedanke,
 Wohlauf zu ihrem Lager hin!
 Umwebe, gleich der Epheuranke,
 Die engelholde Schläferin!
 Geneuß der übersüßen Fülle
 Vollkommner Erdenseligkeit,
 Wovon zu kosten noch ihr Wille,
 Und ewig ach! vielleicht, verbeut! ?

 Ahi! Was hör' ich? ? Das Gesäusel
 Von ihres Schlummers Odemzug!
 So leise wallt durch das Gekräusel
 Des jungen Laubes, Zephyrs Flug.
 Darunter mischt sich ein Gestöhne,
 Das Wollust ihr vom Busen löst,
 Wie Bienensang und Schilfgetöne,
 Wann Abendwind dazwischen bläst.

 O, wie so schön dahin gegossen,
 Umleuchtet sie des Mondes Licht!
 Die Blumen der Gesundheit sprossen
 Auf ihrem wonnigen Gesicht.
 Ihr Lenzgeruch wallt mir entgegen,
 Süß, wie bei stiller Abendluft,
 Nach einem milden Sprüheregen,
 Der Moschushyacinthe Duft.

 Mein ganzes Paradies steht offen.
 Die offnen Arme, sonder Zwang,
 Was lassen sie wohl anders hoffen,
 Als herzenswilligen Empfang?
 Oft spannt und hebt sie das Entzücken,
 Als sollten sie jetzt ungesäumt
 Den himmelfrohen Mann umstricken,
 Den sie an ihrem Busen träumt. ?

 Nun kehre wieder! Nun entwanke
 Dem Wonnebett'! Du hast genug!
 Sonst wirst du trunken, mein Gedanke,
 Sonst lähmt der Taumel deinen Flug.
 Du loderst auf in Durstesflammen! ?
 Ha! wirf ins Meer der Wonne dich!
 Schlagt, Wellen, über mir zusammen!
 Ich brenne! brenne! kühlet mich!