Des Knaben Wunderhorn (Kopie 1)

Eine Liedersammlung von Joachim von Armin und Clemens von Brentano

I. Romanze

Gedichte

        Vorüber zieht manch edler Aar,
        Herr Peter ein theurer Ritter war,
        Er war so keusch, er war so rein,
        Wie seines Antlitz edler Schein,
        Er war bereit zu jeder Zeit,
        Zu Schimpf, zu Ernst, zu Lust, zu Streit.

        In junger Kraft, in fremdem Land,
        Sein Mannheit machte ihn bekannt,
        Als er nach Hause kehrt zurück,
        Bedenkt in sich sein hohes Glück,
        Langsam zur Burg hinauf thut reiten,
        Was sieht sein Knecht zu einer Seiten?

        Er sieht ein schönes Weib da sitzen,
        Von Gold und Silber herrlich blitzen,
        Von Perlen und von Edelstein,
        Wie eine Sonne reich und rein,
        Der Knecht winkt seinen Herrn zu sich:
        »Gern diente dieser Fraue ich!«

        Der Ritter grüßt in großer Zucht,
        Er drückt an sich die edle Frucht:
        »Ihr seyd es Ritter, edler Herr,
        Das Wunder das mich treibet her,
        In allen Landen, wo ihr wart,
        Hab ich euch glücklich stets bewahrt.«

        »Kein schöner Weib hab ich erblickt,
        Ich lieb euch wie es aus mir blickt.
        Ich sah euch oft im tiefsten Traum,
        Jezt glaub ich meinen Sinnen kaum,
        Wollt Gott, ihr wärt mein ehlich Weib,
        In Ehren dient ich eurem Leib.«

        »Nun so wohl hin, sprach da die Zart:
        Auf diese Red hab ich gewart,
        Ich zog dich auf mit Liebeskraft,
        Die alles wirkt, die alles schafft,
        Ich bin die Deine, ewig dein,
        Doch must du auch der Meine seyn.

        Nie darfst du nehmen ein ander Weib,
        Dir eigen ist mein schöner Leib,
        In jeder Nacht, wo du begehrst,
        Und Macht und Reichthum dir beschert,
        Ein ewig endeloses Leben,
        Will ich durch meine Kraft dir geben.

        Unangefocht wirst du nicht bleiben,
        Man wird dich treiben, dich zu weiben,
        Wo dus dann thust, red ich ohn Zagen,
        So bist du todt in dreyen Tagen;
        Sieh weg von mir und denke nach,
        Was dir dein eignes Herze sagt.«

        »Nun herzigs Weib ist dem also,
        So werdet meiner Treue froh,
        Was soll ich für ein Zeichen haben,
        Daß ihr von mir wollt nimmer lassen?«
        »So trag von mir den goldnen Ring,
        Vor Unglück schützet dich der Ring.«

        Mit spielendem Kuß er Abschied nahm,
        Zur Messe er nach Nußbach kam,
        Da ging er mit den Kreuzen auch,
        Und nahte sich dem Weiherauch,
        Sein Leib und Seel er Gott befahl,
        Er sollt ihn schützen überall.


Letzte Änderung der Seite: 06. 03. 2021 - 00:03

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