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title: "Sonst und Jetzt | EPOCHE NAPOLEON"
url: "https://www.epoche-napoleon.net/werk/b/bandemer/neue-vermischte-gedichte/sonst-und-jetzt.html"
description: Das Gedicht »Sonst und Jetzt« stammte von der Schriftstellerin Susanne von Bandemer (1751-1828) und erschienen im Jahre 1802 im GEdichtband »Neue vermischte Gedichte«.
author: Michael Gnessner
date: 2013-10-19
modified: 2026-10-17
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# Sonst und Jetzt | EPOCHE NAPOLEON

Sonst und Jetzt
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*Sonst* weckte freundlich mich aus sanftem Schlummer
 Dein süsser Kuss, zwar nur im Traum geküst;
 Und frey von jedem Seelenkummer
 Ward jeder junge Tag begrüst.
 *Jetzt*, Selmar, flieht der Gott, den Mohn umkränzet,
 Das Lager, wo mein Auge schlaflos weint,
 Bis mir Aurora's Purpur glänzet,
 Und Phöbus wieder scheint.

 *Sonst* schlug mein Herz vom seligsten Entzücken
 Bey jedem Brief, der Treue Unterpfand;
 Und, ach! mit wonnetrunk'nen Blicken
 Küsst' ich die Züge deiner Hand.
 *Jetzt* beb' ich angstvoll, wenn nach langem Sehnen
 Ein kurzes Briefchen meine Sorge stillt!
 Und zitternd brech' ich unter Thränen,
 Der *Treue* sprechend Bild.[\[1\]](#_ftn1)

 *Sonst*, Selmar, wenn ein Gott dich zu mir brachte,
 Las ich in deinem seelenvollen Blick
 Dein Herz, das mich so selig machte,
 Und in ihm meines Daseins Glück. -
 *Jetzt* sieht dein Auge kalt und unbefangen
 Den bittern Kampf, den unbesiegten Schmerz,
 Die Thräne rollt von meinen Wangen
 Und rühret nicht dein Herz.

 *Sonst* sank ich dir, mein zweytes bessres Leben!
 In deinen Arm, an deine treue Brust;
 Ich fühlte deines Herzens Beben
 O, Gott! mit namenloser Lust. - -
 *Jetzt* seh' ich dich, - ist's möglich, es zu tragen? -
 Dem Felsen gleich, erkaltet neben mir,
 Dich rühren nicht mehr Selma's Klagen,
 Gefühllos zürnst du ihr.

 *Sonst* fühlten wir, bey tausend Feuerküssen
 Das höchste Glück, für diese Welt zu gross!
 Durft' ich in meinen Arm dich schliessen,
 Dann pries ich göttergleich mein Loos!
 *Jetzt* drück' ich dir, ach! übermannt von Schmerzen,
 Nur leis' und schüchtern die geliebte Hand,
 Kein Gegendruck giebt Trost dem Herzen,
 Das alles in dir fand.

 *Sonst* – Nein, ich *will* - ich *muss* mich dir entziehen,
 Erinnerung, die grausam mich durchdringt!
 Ach! könnt' ich vor mir selbst entfliehen,
 Dann eilt' ich *Jetzt* auf leichter Winde Flügel,
 O, Selmar! voll von meiner Liebe Pein,
 Hin auf Leukadens Felsenhügel,
 Dem Tode mich zu weihn.

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[\[1\]](#_ftnref1) Das Petschaft stellte ein Hündchen, das Symbol der Treue vor.

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