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title: "Die Liebe | EPOCHE NAPOLEON"
url: "https://www.epoche-napoleon.net/werk/a/artner/gedichte/liebe.html"
description: Das Gedicht »Die Liebe« ist wurde von der österreichischen Schriftstellerin Marie Therese von Artner (1772-1829), die in Ungarn geboren wurde.
author: Michael Gnessner
date: 2014-04-08
modified: 2026-08-28
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# Die Liebe | EPOCHE NAPOLEON

Die Liebe
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Laß mein Lied zu dir sich heben,
 Königinn vom Erdenrund,
 Der die Herzen wonnig beben,
 Liebe, Quelle aller Leben,
 Schöpferhauch aus Gottesmund!
 Du erzeugtest, was bestehet,
 Du bevölkerst die Natur;
 Wo dein sanfter Odem wehet,
 Zeugt sich junges Daseyns Spur.

Deinem Wink gehorchend, kreiset
 Um die Sonne der Planet;
 Deinem Zuge folgsam, reiset
 Luna um die Erde, weiset
 Nach dem Pole der Magnet.
 Kräfte die sich feindlich sträuben
 Bringt dein Wink zur Harmonie;
 Ja, wir säh'n das All zerstäuben,
 Hielt es nicht die Sympathie.

Auf der Erd', in Meer und Lüften,
 Ueb'rall schufst du Weib und Mann;
 Leben rufst du aus den Grüften;
 Liebend in der Tiefe Klüften
 Ziehn sich die Metalle an.
 Du regierst in jeder Zone
 Bist die Kette, die die Welt
 An des Schöpfers Strahlenthrone
 Ewiglich befestigt hält.

Mit dem Lenze steigst du nieder
 Auf die schlummernde Natur;
 Neubelebt erwacht sie wieder,
 Feyernd schallen Jubellieder
 Aus dem Haine, von der Flur.
 Ihre Himmelstöne singet
 Philomele nur für dich;
 Neu befiedert, froh verjünget
 Lieben alle Thiere sich.

Daß es auch dem Wurm gelinge,
 Deiner Wonne sich zu freun,
 Spinnt er sich zum Schmetterlinge,
 Prangt mit goldbesäumter Schwinge,
 Liebt und schließt sein kurzes Seyn.
 Um zu lieben streift die Pflanze
 Ihre Knospenhülsen ab,
 Schmückt sich mit dem Blüthenkranze
 Liebt – und welket in ihr Grab.

Alles naht im Feyerkleide
 Deinem goldnen Hochaltar;
 In der Schönheit Festgeschmeide
 Bringen Jugend, Kraft und Freude
 Jüngling' dir und Mädchen dar.
 Bis nicht jeder Keim entfaltet,
 Bis nicht jegliches Organ
 Zur Vollkommenheit gestaltet,
 Nimmst du ihren Dienst nicht an.

Doch, wenn schlanken Tannen ähnlich
 Jeder Reiz den Körper schmückt,
 Wenn die Jungfrau hold und sehnlich,
 Und der Jüngling kühn und männlich
 Aus dem Feuerauge blickt;
 Wenn vom süßen Kindheitstraume
 Aufgewacht, der Geist sich hebt,
 Und nach einem größern Raume
 Die erregte Denkkraft strebt;

Wenn der Blick erhöht, erheitert
 Frey die Schöpfung übersieht,
 Die Vernunft sich hellt und läutert
 Und das warme Herz, erweitert,
 Neuem Hochgefühle glüht;
 Zarte Schaam des Mädchens Wangen
 Mit des Lotos Farben mahlt,
 Und ein unbekannt Verlangen
 Ihr im vollen Busen wallt.

Wenn dich niegefühlte Leere,
 Feuervoller Jüngling, plagt,
 Und umsonst der Sporn der Ehre
 Ins Getümmel wilder Heere
 Dich nach blut'gem Lorbeer jagt;
 Nicht durch ihre Schmeicheltöne
 Fama deine Sehnsucht stillt,
 Unwillkürlich manche Thräne
 Von der blassen Wange quillt;

O dann wandelst du – erfreue
 Dich, Beglückter! schon die Bahn
 Zu dem Tempel, wo die Weihe
 Deiner harret, und bald neue
 Freuden, tanzend, dich umfah'n!
 Horch, was säuselt dir entgegen
 Aus dem nahen Rosenstrauch?
 Eine Jungfrau! hold verlegen
 Blickt sie nieder, und du auch.

Aber feuriger bald heben,
 Suchend, eure Blicke sich;
 Du gewahrst ihr leises Beben,
 Und ein neugeschaffnes Leben
 Strömt mit Sonnenglut durch dich.
 Auch zu ihrem Herzen fließet
 All ihr Blut so schnell und warm;
 Länger hältst du's nicht! Es schließet
 Sie an dich dein kühner Arm!

Wohin schwand es so geschwinde,
 Was euch erst so ängstlich drückt?
 Von den Augen fällt die Binde
 Und ihr staunet, wie der Blinde,
 Der das erste Licht erblickt.
 Liebe! Ihre hochentzückten
 Herzen, preisen deinen Ruhm,
 Und du führst nun die Beglückten
 In dein stilles Heiligthum.