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title: "[Das Lied vom Hemdchen] | EPOCHE NAPOLEON"
url: "https://www.epoche-napoleon.net/werk/a/arnim01/gedichte/das-lied-vom-hemdchen.html"
description: "»[Das Lied vom Hemdchen]« ist ein Gedicht aus der Feder der Schriftstellerin Bettine von Arnim (1785-1859), die schon als Kind einen Briefwechsel mit Goethe führte und später auch sozialkritische Werke verfasste."
author: Michael Gnessner
date: 2013-10-05
modified: 2026-10-17
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# [Das Lied vom Hemdchen] | EPOCHE NAPOLEON

Die Sonne stand wohl auf
 Des Morgens um halber vier.
 Sie zog ihr Hemdlein aus
 Und hängt es an die Tür.

Herfür trat sie an Strom
 Und bad't sich ganz darein,
 Am ganzen Leibe schön
 Wie eine Perle fein.

Alsdann ging sie von danne
 Wohl über Berg und Tal,
 Bis daß sie endlich kame
 An einen hellgrünen Wald.

Im Wald da floß ein Bächelein,
 Das hat gesehen
 Ein weiß und rot schön Jungfräulein
 Ganz ohne Röcklein stehen.

Da kam ein junger Knab,
 Der sprach: »Ei wohl fürwahr,
 Du tust dein Hemdlein ab
 Beim hellen lichten Tag.«

»Mein Hemdlein kann ich lassen,
 Ich war ja ganz allein.
 Wenn du willst mit mir spaßen,
 Nehm ich mein Hemdelein.«

»Dein Leben will ich dir nehmen«,
 So sprach der junge Knab,
 »Du sollst mir nimmer buhlen
 Wohl mit dem jungen Tag.

Ich halt dich mit den Händen,
 Drück tot dein Herzelein,
 Daß du magst nimmer wenden
 Die Augen zum klaren Schein.«

Als dies die Sonne tat schauen,
 Da eilt sie schnell davon
 Wohl über Berg und Täler,
 Bis sie nach Hause kam.

Sie hängt ihr Hemdelein ab,
 Sie hängt ihr Hemdelein um,
 Daß wenn mein junger Buhler kommt,
 Mich nimmer bringet um.

Nun liegt die Sach ganz klar am Tag,
 Die Welt ist Nebels voll,
 Kein Kraut, kein Wein geraten mag,
 Die Jungfern wissen's wohl.