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title: "[Das Königslied] | EPOCHE NAPOLEON"
url: "https://www.epoche-napoleon.net/werk/a/arnim01/gedichte/das-koenigslied.html"
description: "»[Das Königslied]« ist ein Gedicht aus der Feder der Schriftstellerin Bettine von Arnim (1785-1859), die schon als Kind einen Briefwechsel mit Goethe führte und später auch sozialkritische Werke verfasste."
author: Michael Gnessner
date: 2013-10-05
modified: 2026-10-17
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# [Das Königslied] | EPOCHE NAPOLEON

Es lag ein junger König
 In seinem guldenen Bett.
 Die Kron drückt ihn nicht wenig,
 Die er auf dem Haupte hätt.
 Doch drückten ihn wohl im Herzen
 Die Liebesgedanken noch mehr.
 Er sprach zu seinem Diener:
 »Ruf mir den Narren her!
 Er soll ein Liedlein mir singen,
 Des Herzens Gram bezwingen.«
 Der Narre kam gelaufen
 Mit seiner güldnen Harfen:
 »Herr König, weil die Sinnen
 So schwer und glühend dir sind,
 Will ich ein Liedlein singen
 Vom leichten kühlen Wind.«
 »Vom Winde willst du singen,
 Von kühler Nächte Duft?
 Laß sein, ich will's nicht hören,
 Will selber an die Luft.
 Den Fels will ich erklimmen
 In dieser grausen Nacht,
 Und Lieder will ich dort singen,
 Bis daß der Tag erwacht.«
 »Laß bleiben, laß bleiben, Herr König,
 Die Wind haben keinen Respekt,
 Die achten dein gar wenig,
 Sie werfen dich in Dreck.«
 »Und schleudern sie mich vom Felsen
 Wohl tief in das Wasser hinein,
 So mögen sie doch auch wohl kühlen
 Die Gluten im Herzen mein.«
 »Ei König, wie willst du gehen,
 Barfuß und ohne Zierd,
 Ich bitt, laß mich erflehen,
 Kleid dich, wie dir's gebührt.
 Bind an die Füße Sandalen,
 Häng um die goldene Kett,
 Und deine nackten Schultern
 Mit dem roten Purpur bedeck,
 Und in die Augen drücke
 Dir tief die schwere Kron,
 Damit sie dir nicht trage
 Der erste Wind davon.
 Und um die Lenden gürte
 Dir fest dein stählern Schwert,
 Damit den Winden ein König
 Zum leichtesten Spiel nicht werd!
 Und in den Gürtel stecke
 Dir noch den Zepter dein
 Und um die Schulter hänge
 Dir noch die Harfen mein.«
 Da kann der König nicht gehen,
 Es zog ihn schwer zurück,
 Da trat er in seinem Zorne
 Die Harfen in tausend Stück.
 Der Narre begann zu weinen,
 Da er die Harfen sah
 In tausend Stücken liegen,
 Die ach so schöne war.
 Der König den Fels erklomm,
 Wo tausend Bächlein flossen
 Und unten in einem Strom
 Zusammen sich ergossen.
 Die Winde hatten gesehen
 In dunkel schwarzer Nacht
 Den roten Purpur wehen
 Und auch der Krone Pracht.
 Sie breiten aus die Schwingen
 Und kommen alle herbei,
 Zu hören, wie er tät singen,
 Zu sehen sein herrliches Kleid.
 Und als sie hatten gehöret
 Das trübe Königslied,
 Da hatten sie ihren Gefallen,
 Es sollt ihnen werden ein Spiel.
 Der eine tat hoch aufbrausen
 In seinem Purpur rot,
 Der andre zog durch die Krone
 Die Locken wild hervor.
 Der dritt tät mit dem Schwerte
 Wohl klappern hin und her,
 Der Hirt zog ihn an der Kette
 Wie an dem Zaum ein Pferd.
 Er muß die Lethe trinken
 Mit schwerem Atemzug.
 Muß immer tiefer sinken
 In seinem grausen Flug.
 Um Hilf der König schreiet,
 Die Winde sprechen ihm Hohn,
 Sie tragen ihn vom Felsen
 Herunter in den Strom.
 Da eben stand der Narre,
 Der sah die Winde fliegen
 Und in dem nassen Grabe
 Sah er den König liegen.
 Da wandelt er sich um
 In lauter grün Gezweig,
 Das schöne Blüten trug
 Und goldne Frücht zugleich.
 Ein Adler kam geflogen
 Und baut sein kühnes Nest,
 Hoch in das grün Gezweige,
 Eh Wurzel es gefaßt.
 Die Wurzel faßt es tief
 Ins jungen Königs Herz,
 Der eben fest gar schlief
 Und nimmer fühlte Schmerz.