---
title: "| EPOCHE NAPOLEON"
url: "https://www.epoche-napoleon.net/in-work/vermischte-gedichte/louise-hensel/gedichte/54.html"
description: »« verfasste die religiöse Schriftstellerin Luise Hensel (1798-1876) im Jahre 1820 in Düsseldorf.
author: Michael Gnessner
date: 2019-02-17
modified: 2026-07-10
---

# | EPOCHE NAPOLEON

Vor dem Vesperbilde
=====================

Seh' ich dir im Schoß die bleiche
 Blutgefärbte Gottesleiche
 Mit den Wunden ohne Zahl,
 Wag' ich nicht, den Blick zu heben,
 Muß in tiefer Brust erbeben,
 Fühle Scham und Reuequal.

 Denn *ich* bin's, die ihn geschlagen,
 Bin der Grund von deinen Klagen,
 Von der namenlosen Qual,
 Die dein reines Auge rötet;
 Denn ich habe ihn getötet –
 Weh! mit Sünden ohne Zahl!

 Schmerzensmutter! Reine! Milde!
 Ja, ich will vor deinem Bilde
 Laut bekennen den Verrat.
 Wollt' ich meine Schuld verschweigen,
 Müßten selbst die Steine zeugen
 Wider meine Missetat.

 Wisse. dreiunddreißig Jahre
 Liebte mich der Wunderbare,
 Er, dein Sohn und Gottes Sohn;
 Hat um mich gedient, gelitten,
 Wider meinen Feind gestritten,
 Und – mein Undank war sein Lohn.

 O, wie hat er treu geliebet!
 Hat sich in den Tod betrübet,
 Weil ich Liebe ihm versagt!
 Ist in bittrer Schmach gestorben,
 Hat mit Blut um mich geworben,
 Ach, um mich, die ärmste Magd. –

 Doch fortan nun dir zu Fügen
 Will ich mit dir weinen, büßen,
 Daß ich dir erschlug den Sohn.
 Woll'st, o Milde! für mich flehen,
 Daß gesühnt ich möge stehen
 Selig einst vor seinem Thron.

Wiedenbrück, 1859