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title: "| EPOCHE NAPOLEON"
url: "https://www.epoche-napoleon.net/in-work/vermischte-gedichte/louise-hensel/gedichte/53.html"
description: »« verfasste die religiöse Schriftstellerin Luise Hensel (1798-1876) im Jahre 1820 in Düsseldorf.
author: Michael Gnessner
date: 2019-02-17
modified: 2026-07-10
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# | EPOCHE NAPOLEON

Untreue, Reue, neue Treue
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Ich habe einen Liebsten funden,
 Derselb' ist nicht von dieser Welt,
 Dem hab' ich einzig mich verbunden,
 Ihm treu zu sein in allen Stunden;
 Er ist's, der mir allein gefällt.

 Früh stand er schon an meiner Wiegen,
 Sah lächelnd auf mein kindlich Spiel,
 Ich tat so gern mich an ihn schmiegen
 Und forschte nur in seinen Zügen,
 Ob auch mein Spiel ihm wohlgefiel.

 Er hatte mir von weißer Seiden
 Ein feines Kleidchen angetan:
 »0 Lämmlein, komm zu meiner Weiden!
 Nun mußt du dich von allem scheiden,
 Was dies Gewand beflecken kann.«

 O wär' ich doch mit dir gegangen,
 Du treuer Hirt, mit dir allein!
 Ein andrer wies mir Glanz und Spangen;
 O weh! die goldnen Ketten schlangen
 So fest sich um das Herze mein.

 Da ging ich mit dem Fremden lieber
 Und riß mich los von meinem Herrn;
 Der sah noch oft zu mir herüber,
 Ich sah wohl auch nach ihm hinüber,
 Doch immer schien er mir zu fern.

 Bald dreht' ich mich in bunten Tänzen
 Und träumte nur von Tand und Scherz;
 Ich tat an schnöden Festen glänzen
 Und war geschmückt mit eitlen Kränzen,
 Und hatte doch kein ruhig Herz.

 Da dacht' ich einst, welch blut'ge Wunden
 Für mich der treue Heiland trug;
 Ich dacht' an frühe sel'ge Stunden
 Die ganze Welt war mir verschwunden
 Ich weint', und weinte nie genug.

 Da sah ich meinen Heiland stehen,
 Er war so ernst und war so mild;
 Ich mußte immer nach ihm sehen;
 Mein Herze wollte fast vergehen
 Und war mit Lieb' und Leid erfüllt.

 Ich meint', er würde mich nicht kennen,
 Mein Kleid war nicht mehr weiß und rein.
 Bang tat ich seinen Namen nennen
 Und wollte nie mich wieder trennen
 Und ganz und gar sein eigen sein.

 Da sah er meine Tränen fließen.
 Da rief er freundlich: »Lämmlein, komm!«
 Froh eilt' ich hin zu seinen Füßen;
 Sein Blut tat auf mich niederfließen,
 So ward ich wieder rein und fromm.

 So hab'ich meinen Liebsten funden,
 Der besser ist als diese Welt,
 So hab' ich ihm mich neu verbunden.
 Ihm treu zu sein zu allen Stunden:
 Er ist's, der einzig mir gefällt.

Berlin, 1816