EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Knospen

Der Schreckenstein und der Elbstrom.

                     Der Schreckenstein.
                Was rauschest du ewig mir fröhlichem Mut,
Von blühenden Ufern umzogen?
Was leitest du fernhin die silberne Flut,
Getürmt in bläuliche Wogen?
Versiegt dir nimmer die wirkende Kraft,
Die erst das Leben zum Leben schafft?
Ist nie der Geist dir entflogen?
                     Elbstrom.
        Wohl stürz' ich vom Felsen die Täler entlang,
Genährt von unzähligen Quellen;
Wohl flüstern die Lüfte im Liebesgesang
Und küssen die tanzenden Wellen:
Doch endlich entfliegt mir die wogende Macht,
Begräbt sich tief in des Meeres Nacht,
Wo die Fluten des Ozeans schwellen.
                     Schreckenstein.
        Doch verjüngst du dich ewig mit neuer Gewalt;
Noch lispelt die Welle und flimmert,
Noch glänzt dir die jugendlich volle Gestalt,
Wie sie seit Äonen geschimmert;
Doch ich, gemordet vom Drange der Zeit,
Ich sinke zur ew'gen Vergessenheit,
Seit mich die Zwietracht zertrümmert.

    Auch ich war einst jung; mit herrlicher Pracht
Entstiegen die Türme der Erde.
Die Keller umarmten die ewige Nacht,
Die die Leuchte des Tages nicht klärte.
Dem Raubgrafen sollt' ich ein Schrecken sein;
Drum tauften sie mich zum Schreckenstein,
Daß ich Schutz den Bewohnern gewährte.

    Da riefen Posaunen zum lustigen Mahl;
Es eilten die Ritter zum Feste;
Es schäumte vom purpurnen Blut der Pokal,
Der die Zungen der Taumelnden näßte.
Die Sänger erwarben mit Harfenton
Für süße Gaben den süßeren Lohn,
Den Frauen die liebsten der Gäste.

    Doch endlich brach es mit wilder Gewalt
Durch die heiligen Schranken des Lebens,
Und schreckbar nahte in Schlachtengestalt
Das Ende des ewigen Strebens.
Es klirrten die Schwerter, wild brauste die Glut;
Die Mauern düngte der Edlen Blut.
Doch die Kraft war, die Stärke vergebens.

    Das weckte mich grausend aus stolzem Traum.
Die Flamme in farbigen Säulen
Durchwogte wild der Gemächer Raum,
Und ich stürzte in Windes Heulen
Und begrub im Falle der Edlen Gebein.
Da zog der Uhu als Burgherr ein
Und mit ihm als Knappen die Eulen.

    Und in den Kammern ward's wüst und leer,
Versiegt war die menschliche Rede;
Da kamen die Weisen, die Altklugen her
Und rieten, daß man mich besäte.
Der herrliche Saal, wo sonst Ritter gezecht,
Er schien den Herren zur Scheune gerecht;
Sie machten den Zwinger zum Beete.

    Für zertrümmerte Größe das hohe Gefühl,
Es ist aus dem Leben verschwunden;
Der Vorteil nur ist ihr einziges Ziel,
Er hat sie mit Fesseln gebunden.
Vom eitlen Gute, vom Silber und Gold,
Nicht von des Ruhmes ewigem Sold
Sind die niedrigen Herzen entzunden.


                     Elbstrom.
        Du Armer! Doch gleicht dem deinen mein Los,
Das du so herrlich gepriesen.
Wohl bad' ich der Erde fruchtbaren Schoß;
Es blitzen die Wellen und fließen
Und stürzen sich über den felsichten Grund
Bis zu des Meeres unendlichem Schlund,
Um ferne Länder zu grüßen.

    Doch Sinken und Sterben ist auch mein Geschick.
Zwar rausch' ich durch blühende Lande;
Noch kehrte mir keine der Wellen zurück,
Und einst verrinn' ich im Sande,
Wenn die Himmelsträne nicht länger schwellt.
Das Gesetz, das ewige, wahre der Welt,
Es führt mich vom Strande zum Strande.

    Erst stürz' ich mich jauchzend in Knabenlust
Über Felsengeklüfte mit Rauschen,
Und nimmer sehnt sich die fröhliche Brust,
Mit einem der Ströme zu tauschen;
Doch endlich legt sich der wilde Drang;
Das Toben, es wird zum süßen Gesang,
Daß liebende Herzen ihm lauschen.

    Und schöner fängt das Gestad' an zu blühn.
Zwar bin ich vom Fels noch umfangen;
Doch bauen sich Hütten an Ufers Grün
Und Gärten mit freundlichem Prangen.
Ich bringe der Liebe den traulichen Gruß
Und murmelte lauter zum ersten Kuß,
Entflammt vom regen Verlangen.

    Und breiter und stiller entwog' ich die Bahn
Es erheben sich Mauern und Städte;
Es füllt sich der Strand mit Geschäftigem an;
Laut hör' ich die menschliche Rede.
Doch furchtbar treibt mich mein Sehnen hinab;
Nicht acht' ich die Meerflut, mein ewiges Grab,
Nicht acht' ich der Sterblichen Fehde.

    Denn es türmt sich der Brücken steinerne Last
Und will im Laufe mich zügeln;
Doch stürz' ich mich durch mit gewaltiger Hast,
Mit des Sturmwinds brausenden Flügeln,
Und ebner erstreckt sich die grenzende Flur;
Ernst wind' ich mich durch die verschrobne Natur;
Es werden die Berge zu Hügeln.

    Es werden die Felsengeklüfte zu Sand,
Und die Büsche, die lieblichen, sterben.
Mit weiteren Armen umfang' ich den Strand.
Da treibt's mich, das Ziel zu erwerben.
Und stolzer rausch' ich mit ernster Pracht;
Es reißt mich hinab in des Ozeans Nacht,
Es reißt mich hinab ins Verderben.

    Du schmücktest dich einst mit festlichem Prunk
Und hast das Ende gewonnen;
Doch meine Qual, sie wird stündlich jung
Und nährt sich im ewigen Bronnen,
Und jede Welle ruft sie zurück,
Und flüchtig wie das verhaßte Geschick
Ist die Lust und die Jugend zerronnen.


                     Schreckenstein.
        Wohl schwang sich die Freude vom Erdengrund
Hinauf in das Reich der Gedanken.
Es bricht die Zeit den gewaltigen Bund,
Es tritt die Welt aus den Schranken;
Denn der Mensch treibt mit dem Heiligsten Spott;
Er vergißt den Glauben, vergißt den Gott,
Und die Festen der Ewigkeit wanken.

Letzte Änderung der Seite: 27. 03. 2017 - 22:03