EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

An Goethe

Zu Berlin, montags den 18. Mai 1778

Schön' guten Morgen! Herr Doktor Goeth,
Euch hab ich gestern grüßen wollen.
's ist wider's Weiber-Etikett,
Ich hätt's von Euch erwarten sollen,
Das Ihr, wie sich's gebührt und ziemt,
Mich aufgesucht und mich gegrüsset.
Ihr aber seid gar weltberühmt,
's war möglich, dass Ihr's bleiben ließet.
Ihr seid des Herzogs Spießgesell,
Habt mehr zu tun und mehr zu schaffen
Als mit Eurem Auge groß und hell
Nach einem alten Weib zu gaffen.
Drum sprang ich übers Zeremoniell
Hinweg mit Leichtmut und mit Lachen,
Zog mir mein Sonntags-Kleidchen an
Und ging, Euch meinen Knicks zu machen,
So tief ich immer kann
Mit dorfgebornen Knie.
Ich ging umsonst, Ihr wart
Schon fort in aller Frühe
Zu Männern feiner Art.
Nun will ich's nicht mehr wagen.
Mein Geist, ein fixes Ding,
Soll »guten Morgen« sagen
Dir Musendämmerling,
Dir Sekretär des Fürsten,
Der auf dem Parnaß sitzt
Und, wenn die Dichter dürsten,
Mit Wasser sie besprützt
Aus Einem Born, der mächtig
Und wundertätig ist.
Er macht's, das Du so prächtig,
So stark im Ausdruck bist,
Dass Dir's vom Munde fließet
Wie Honig, den im Wald
Ein Wandersmann genießet,
Dem seine Kräfte bald
Erschöpft sind wie die meinen.
Jüngst sollt ich im Revier
Des Pluto schon erscheinen,
Ein Schiffer winkte mir.
Ich ward ihm noch entrissen
Durch des Apollon Gunst,
Wie's nachzuzeichnen wissen
Des Chodowieki Kunst.
Ich sollte dich noch sehen!
Geschieht es nicht bei mir,
Kann's beim Andrä geschehen,
Der ist ein Freund von Dir,
Wie's wenige nur gibet;
Von Herzen schätzt er Dich,
Und bei dem allen liebet
Er Dich nicht mehr als ich.

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