EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Am Schlusse des Jahres Ein Tausend Sieben Hundert Fünf und Achtzig.

von Gottlob Nathanael Fischer

Wieder ein Jahr dahin! - Obgleich der zögernde Frühling
Langsam kam, und spät die zögernden Tage der Ernte,
Ist es dennoch dahin! - So fliehen Leiden und Freuden
Und am Ende der Laufbahn sind wir, bevor wir es wähnten!

Also ordnet' es Gott, der durch dieß fliehende Leben
Uns zu den ewigen Wohnungen führt! Und, Vater der Menschen,
Was Du ordnest, ist gut und menschenfreundlich und weise!
Unser Vertrauen zu prüfen und unsern Glauben zu stärken,
Giebt er uns, was wir bedürfen, und nimmt uns das innig Geliebte,
Oder versagt uns den Wunsch, den allerheißest gefühlten!
Doch wer um sich zu schauen und aufzumerken gelernt hat,
Dem wird's Licht in der Seele; der sieht wie der Vater der Menschen
Böses zum Guten lenkt, und selsbt im Züchtigen wohlthut.

Lange Kälte verdarb uns die Freuden des lieblichen Frühlings,
Regengüsse schlugen das Feld, verscheuchten den Schnitter,
Und entlockten zu früh dem liegenden Weizen die Keime;
Aber der dauernde Frost und die Regen des wolkigen Sommers
Tödteten Millionen Verderber, die Fluren und Gärten
Jüngst verheerten, das kahl mit Zacken und Reisern, der Furchtbaum
Dastand, mitten im Sommer ein ein Trauergemälde des Winters! -
Also nimmt ein Vater, um desto reciher zu geben!

Darum sündiget nicht,m und sagt: die Erde wird schlimmer!
Oder regieret nicht Gott? Jahrtausende klagten die Menschen,
Wie sie heute klagen, und nun erwäget, o Freunde,
Wäre die Klage gerecht, was wären wir endlich geworden?
Wäre vom Vater zum Sohn, vom Sohne zum Enkel die Erde
Mit dem Menschengeschlecht in tiefes Verderben gesunken;
Schlangenbrut und Löwen und Tieger, und schlimmer als Tieger
Wäre die heutige Welt. Und seyd ihr das, Freunde, geworden?
Sind das eure Brüder um euch? O, lernet den Schöpfer,
Lernet den, der da war, und ist, und seyn wird, den Geber
Alles Guten, den Vater der Welt, den Beseliger Aller,
Besser kennen und reiner verehren! Und ihr, die ihr Christus
Heilige Wahrheit glaubt, wenn dennoch im LAufe der Dinge
Alles trauriger wird, wenn dennoch die sterblichen Menschen
Immer vom schlimmern Geschlecht in schlimmres Geschlecht sich verwandeln
Sagt, o sagt: Kan dann der Sohn des ewigen Vaters
Nicht umsonst zur Erde herab? O lernt den Erlöser,
Lernt den Retter des Menschengeschlechtes der unter den Seinen
Bleiben will, das Licht der Welt,  den Fürsten des Friedens,
Besser erkennen und würdiger ehren! - Vernehmt dann die Wahrheit:
Jedes Jahr ist ein Theil  des Plans den der ewige Schöpfer
Zu dem Heile der Menschen entwarf, sie zu höherer Weisheit,
Zu vollkommner Tugend und besserer Freude zu führen!
Hassten sich sonst nicht Christen und Christen! Und siehe, wir leben,
Kinder Roms, und Freunde Kalvins, und Luthers Verehrer,
Jetzt als Brüder in Eintracht! ZWar hineilet am Festtag
Einer zu diesem Tempel des Herrn, der Andre zu jenem;
Aber wir kommen heraus, und freun uns, einander zu helfen!
Niemals wirst du wieder, nun weiser gewordenes Frankreich,
Gute Kinder verjagen, damit der vetriebenen Enkel
Jubelfeste der Freiheit feiern in besserer Fürsten
Schutzland, wie sie jüngst im Lande der Brennen sie feirten! -
Darum, Brüder, lernt der glücklichen Zeiten euch zu freuen! -
Schlugen nicht, reizbar sonst die Fürsten zu glühenden Zorne,
Gleich mit dem Schwerte darein, dass Blut in Strömen dahin floss?
Aber hält nicht jetzt ein SChwert das andr`in der Scheide?
Denken und prüfen die Fürsten nicht lang' und forschen mit Sorgfalt,
Eh sie zu Menschenverderbern, zu Krieg und Tod sich entschließen?
Suchen sie nicht den Ruhm, den Streit zu schlichten durch Weisheit? -
Also schlichtest du, Vergennes, neulich die Zwietracht
An den Ufern der Schelde. Schon übten sich Bürger in Waffen,
Donausöhne zogen schon her; doch siegte die Weisheit!
Aber, vor Allem freut euch, ihr, o glückliche Bürger,
Dass noch Friedrichs Weisheit herrscht! Er siehet Gefahren
Lang' im Geiste voraus, und wendet sie, ehe sie kommen.
Jünst vollendet er noch ein Werk der wachenden Weisheit,
Würdig unsterblichen Ruhms, wenn irgend eine der Thaten
Die er mit hohem Geist vollbracht, der Unsterblichkeit werth ist!
Deutshland heiliges Recht und Frieden zu schützen, und Freiheit
Lehrt er die Fürsten, und schloss der Eintracht festeres Bündniss,
Das, Germania, dich zum ersten Reiche der Erde
Hoch erhebt! Nachkommen dereinst, noch werden ihm danken,
Uns um Friedrich neidend, der Könige größten und besten!
Liebt, o treue Bürger, ihn dann, und feiert mit Freuden,
Feirt  frohlockend den Tag, der uns sein Leben geschenkt hat!
Dankt dem Höchsten mit Psalmen für überstandne Gefahren,
Die im fliehendden Jahr sein großes Leben bedrohen,
Und erfleht ihn vom Himmel, der ruhmerfüllten Regierung
Jubelfeste noch einst in unsrer Mitte zu feiern!

Also beschließt und beginnt das Jahr mit Loben und Danken!
Kommt zum Tempel des Herrn, und vereinigt fröhlich die Stimmen
Dem zu Lobgesängen, der uns den Segen des Jahres
Schenkt', aus milder Hand! Was ist er den Sterblichen schuldig?
Dürfen wir trotzen und sagen: Er mss uns geben? O Freunde,
Unser Leben und Odem ist sein! Wir sind die Geschöpfe
Seiner Hand, und Alles durch ihn, den Vater der Wesen!
Aller Augen warten auf ihn; und siehe mit Güte
Blickt er auf uns herab, giebt Allen Nahrung und Freudde,
Öffnet die Hand, und erfüllt mit seinem Gütern die Erde!
Giebst du, so sammlen wir, und werden gesättigt mit Wohlthat!
Aber birgst du dein Antlitz, so geht tödtendes Schrecken
Über die Völker aus, und die Sterblichen sinken in Staub hin!
Über die Völker aus, und die Sterblichen sinken in Staub hin!
Doch dein Odem erneut die Gestalt der Erde, dein Hauch weht
Neubelebend über die Flur, so grünen die Felder,
Böühen Gärten und Wiesen, und lacht der reitzende Frühling.
Sonn' und Regen erquicken das Land, dass der Sommer die Scheuren
Weieder mit Garben füllt, im Herbst der ergiebige Fruchtbaum
Boden und Keller bereichert, und selbst der traurige Winter
Vorrath hat, zu stärken die Hand, und das Herz zu erfreuen!

Darum eilt mit vollem Vertrauen der Zukunft entgegen!
Sterbliche Weisheit nicht, die Weisheit Gottes, des Höchsten,
Sie regiert die Welt, und sie die Geschäfte der Menschen!
Ziehen sich Wolken zusammen, und trübt sich dunkel der Himmel;
Sorget nicht! Ein Wort von ihm zerstreuet die Wolken
Und mit reineren Strahlen erquickt uns von Neuem die Sonne!

Letzte Änderung der Seite: 27. 03. 2017 - 22:03