Startseite > Schriftsteller > A > Anonym > Flugschriften > Deutschland in seiner tie > Östreich Teil 1

Östreich Teil 1

Hier sehen wir Franz II. auf dem Throne, den einst sein Oheim, Joseph II. zierte, von dessen Bildung, die Östreichische Monarchie sich einen künftigen Thronfolger von tiefer Staatskenntnis und dessen Charakter versprach. Dem Kaiser Joseph war in der Tat alles daran gelegen, die Zügel seiner weitläufigen Staaten einstens einem Regenten zu hinterlassen, der schon durch sich selbst beraten, nicht so wohl der Klugheit und Einsicht, als der Treue und des Diensteifers seiner Minister bedürfte. Doch will man sich allgemein bereden, Josephs Vollendung im Tode sei früher erschienen, als er die Bildung seines Neffen zur Reife gebracht hatte. Dem sei wie ihm wolle. Franz hat seine gute Seiten, ist treuer Gatte und glücklicher Vater einer zahlreichen Nachkommenschaft. Zu einer Zeit, da die Sichrung in Frankreich aufs höchste gestiegen, und Ludwig XVI. nur noch der Schatten von einem König war, ist ein plötzlicher Hintritt Leopold II., aus dem Lande der Lebendigen. Zu früh für ihn selbst, für seinen Sohn, für die Monarchie. Der Wiener wird darüber freilich den Kopf schütteln, da ihm sein Genius in Leopold den Stifter alles, seit vierzehn Jahren den Östreichischen Staate begegneten, Unglücks vormalt. Ihm allein bürdet man in der Kaiserstadt den Krieg mit Frankreich auf. Seine kurze Regierung soll den schwächsten Kopf verraten und Leopold gleich die erste Monate derselben durch einen mit der Pforte geschlossenen schändlichen Frieden bezeichnet haben. Die von Monarchen gleich anfangs geäußerten friedlichen Stimmungen, sind dem unruhigen Wiener verhasste Merkmale, das er nicht Lust hätte, Eroberungen zu machen. Und doch war schon 1788, dem ersten Ausbruch des Türkenkrieges, eine außerordentliche Teuerung, die selbst einen gefährlichen Auflauf veranlasste, entstanden. Vermutlich wurden jetzt nicht mehr so viel Lebensmittel, als sonst, aus Ungarn nach Wien zu Markt gebracht. Das sogenannte Viertel Mehl stieg daher noch im Sommer dieses Jahres von18 auf 43 Kr. Laut erhob sich darüber die Klagestimme wider Joseph, der im Lager bei Semlin sich aufhielt und im November krank in seine Residenz zurückkehrte. Der Krieg hatte seinen Fortgang, und mit ihm hielt auch die Teuerung an. Kaum war Leopold in Wien angekommen, so gab man ihm dieses Übel zu  erkennen. Der Monarch wußte, keinen bessern Rath, als das er dem weit ausstehenden Türkenkrieg ein Ende machte. Damit erschien auf der Stelle die wohlfeilere Zeit. Indessen konnte der undankbare Wiener seinem damaligen König nicht vergeben, dass er Belgrad abgetreten und keinen Versuch auf Konstantinopel selbst gemacht hatte. Man muss wissen, das die Hauptstadt des türkischen Reiches nach der Wiener Geographie nur eine Tagreise von Belgrad entfernt ist. Wenn Leopold die Thorheit seiner Wiener erfuhr, müsste er mehr zum Lachen, als zum Unwillen darüber, bewogen werden. Sein unvermutet und plötzlich erfolgter Tod machte den Lästerungen wider im kein Ende. Jetzt erst sperrte das Wiener Publikum (man verstehe den großen Haufen) sogar unter den Augen und Ohren des jetzigen Kaisers, seinen Rachen weit auf. Fremde, die sich in Wien befanden, begriffen nicht, wie man die Verwegenheit tollkühner Tadler Leopolds so ungestraft hingehen ließ, da er doch Vater Franz II. und durch seine Regierung in Florenz rühmlichst bekannt war. Wenn man in Wien Gefahr lief, nur ein Wort von den öffentlichen Angelegenheiten verlauten zu lassen, so konnte dagegen das unverschämteste Gewäsche den guten Leopold noch in der Gruft verfolgen. Und so noch heute. Wer in der östreichischen Geschichte beim Tode Josephs nicht ganz fremd ist, der weiß, in welcher bedenklichen Krise sich diese Monarchie damals befand. Sollte nicht ein allgemeiner Aufstand in Ungarn sich erheben, so musste der todkranke Kaiser noch zwei Tage vor seinem Ende, die ungarische Krone des Heiligen Stephans nach Pressburg abführen lassen. Böhmen war voller Unruhen. In Wien wurde auf die schmählichste Weise von seiner Regierung gesprochen. Sein Tod, der diese beschließen sollte, war allgemeiner Wunsch. Ein Ausländer, welcher einmal hörte, die Krankheit des Josephs fange sich an zu bessern, erzählte das seinem Wirt. Dieser gab zur Antwort "O, wenn´s an dem ist, so sind wir alle dahin!" Man sieht hieraus in welchem misslichen Zeiten Leopold seine Regeierung begonnen. Ungarn, Böhmen, Östreich erwarteten nach ihren besonderen Verhältnissen, jedes besondere Wohltaten von den neuen Monarchen. Diesem war das Feuer, welches in Frankreich schon unter der Asche glühte, bekannt genug. Das Murren der Niederlande zog seine Aufmerksamkeit nicht minder an sich. War es Leopold dernach zu verdenken, wenn er die Fehde mit den Muselmännern abbrach, um das Auge auf andere wichtigere Gegenstände richten zu können? Irrtum ist es zu glauben, dass man in  Frankreich von der Einsicht und Staatsklugheit dieses Monarchen sich nur niedrige Begriffe gemacht habe. Man war in Paris nicht wenig besorgt, es dürfte Leopold die von Ludwig XVI. angenommene, die Königswürde, so sehr herabsetzende neue Konstitution, sich missfallen lassen. Doch nein, der Wiener Hof blieb dabei ruhig und gab Frankreich die freundschaftlichsten Gesinnungen zu erkennen. Die Zusammenkunft des Kaisers mit dem König von Preussen in Pillnitz und die dort verabredeten Maßregeln konnten Leopolds Friedfertigkeit nicht zweideutig machen. Höchstwahrscheinlich belebte sein Hintritt die Nationalversammlung in Paris, dass das bisherige Geheimnis der Bosheit weniger zu verdecken und in Ausführung der zum Untergange des Königs gefassten Entwürfe desto rascher zu Werk zu gehen. Die Jugend und Unerfahrenheit des jetzigen Kaisers kam ihnen wenigstens in so ferne zu, dass sie minder Bedenken trugen, ihre Kriegsanstalten gegen das Reich zu richten, und den Krieg durch gehäufte Beleidigungen notwendig zu machen. Das Feuer brach in helle Flammen aus. Man hoffte es bald, vielleicht in Frankreichs Herz dämpfen zu können. Die Glut verbreitete sich aber im ersten Feldzuge schon bis Frankfurt am Main und in die Niederlande. Mit günstigen Erfolg führte Mars im folgenden Jahre den Sieger bei Martinestin und Focsan, Herzog von Sachsen-Coburg ins Feld. Gleich der Anfang seiner kriegerischen Unternehmungen gewährte diesem Feldherrn die Trophäen bei Reerwinden. Die Niederlande wurden vom Feinde geräumt und die Eroberung drei ansehnlicher Festungen an Frankreichs Grenzen, machte zum weiteren glücklichen Fortgang der verbündeten Waffen sehr angenehme Hoffnung. In diesem Zeitpunkt war es, da der Herzog Feldmarschall seiner Kaiserl. Majestät Friedensgedanken zu erwecken suchte. Wie weise dieser Rat gewesen, hat sich in der Folge bewährt. Damals konnte Östreich unter den vorteilhaftesten Bedingungen den Krieg mit Frankreich beilegen und dafür die Erhaltung Königs Ludwig und seiner Gemahlin ohnehin nichts mehr übrig war, gelassen zusehen wie sich die Franzosen untereinander selbst aufreiben würden. Hier ist nicht der Ort von den Sünden zu reden, die Franz II. zu Frieden bestimmen sollten. Wir wissen, dass die Fortsetzung des Krieges den Vorzug behielt. Der Basler Friede erfolgte, und da Preussen nun seine Macht vom Rhein abzog, drückten die Franzosen desto stärker auf Östreichs Heere, die endlich in die Kaiserlichen Erbländer zurückgedrängt, kaum eine Belagerung von Wien aufhielten. In diesen Unfällen musste der Kaiser wohl der Neigung zum Frieden Gehör geben. Er wurde in Campo Formio zu Stande gebracht und durch ihn zu Frankreichs heutiger Größe der Grundstein gelegt. Bonaparte, der bis Graz in Steiermark vordrang, hatte sich selbst der Kaiserstadt furchtbar gemach und hier ziemlichen Schrecken verbreitet. Östreich fehlte es jedoch nicht sowohl an Mitteln diesen lästigen Feind aus seinen Grenzen zu bringen, als an guten Gegenanstalten und tüchtigen Heerführern. Es war nicht unmöglich, den kühnen Anführer der Franzosen in einem gebirgigen Lande, voll enger Pässe und Hohlwege mit seinem Heer einzuschließen und in das äußerste Gedränge zu versetzen, oder zu einer, ihm wahrscheinlich, nachteiligen Schlacht zu zwingen. Ob dem sonst unerschrockenen Erzherzog Karl damals die Hände gebunden, oder andere Gründe vorhanden waren, die ihn lieber mit der Friedensfahne, als mit dem Degen in Faust, nach Leoben zu einer persönlichen Unterredung mit Bonaparte bestimmten, davon widersprechen sich die Nachrichten. Genug, Bonaparte konnte Steiermark und andere Provinzen des östreichischen Kreises, mit größter Bequemlichkeit, nebst einer durch Brandschatzungen wohl gespickten Kriegskasse verlassen, und auf diesem Rückzuge, die Schätze Venedigs noch damit vereinigen. So waren binnen dem kurzen Zeitraum von zwei Jahren die zwo reichsten Goldgruben in Europa, Holland und Venedig, wo Indiens Reichtümer zusammengehäuft lagen, unter französischen Händen, die jetzt mit leichter Mühe wegschleppten, was von andern, seit Jahrhunderten mit unbeschreiblicher Anstrengung und Gefahr aus den entlegensten Weltteilen herbeigeholt worden. Solche wichtige Eroberungen hatten nicht nur auf die Beruhigung der Gemüter in innern Frankreichs, sondern auch auf den guten Willen des Heeres den stärksten Einfluss. Bürger und Soldat banden ihre Hoffnung an das Waffenglück, durch dessen Begünstigung die Sachen der Franzosen bisher eine so erwünschte Wendung genommen hatte. Desto weniger ließ sich von der Mäßigung derselben, nach einem Frieden erwarten, der ihnen ausnehmende Vorteile einräumte und Östreich geschwächt, das Deutsche Reich aber in seiner Blöße darstellte. Verständige sahen bald ein, dass die Ruhe von kurzer Dauer sein würde. Das Östreich bei erster Gelegenheit, wieder auf dem Kampfplatz erscheinen dürfte, ließ sich allerdings vermuten, denn der Traktat bei Campo Formio selbst, war zu schwankend, als dass er nicht den Zauber zum neuen Kriegsfeuer abgeben sollte. Der Übermut der französischen Gesandtschaft in Wien, wodurch ein so gewaltiges Lärmen angefacht worden, schien zwar nur auf den rohen Pöbel zu wirken. Wer konnte jedoch zweifeln, dass nicht auch die Regierung etwas davon in Petto behalten habe? Noch am Ende des Jahres, das diesem Tumult erzeugte, ertönte die Sturmglocke zu neuen Krieg. Paul I. schloss sich an Östreich näher an, und ließ unter seinem berühmten Feldherrn Suwarow ein beträchtliches Heer in Italien einrücken. Als er dort anlangte, hatten zwar die Östreicher schon einige Vorteile über die Franzosen erhalten, jedoch Suwarows Feuer und Kriegserfahrung konnten erst die feindliche Macht beschränken und Frankreichs Übergewicht in Italien demütigen. Beinahe ganz Italien wurde in dem Feldzuge 1799 von den Franzosen verlassen. Schon sahe man in Wien den Horizont ganz aufgeklärt, schon überließ man sich den stolzesten Hoffnungen, als durch das den russen in der Schweiz begegnete Unglück, die Aussichten wieder getrübt wurden. Der Schlag war freilich von höchstnachteiligen Folgen begleitet. Doch würden diese zu verbessern gewesen sein, wenn die zwischen Karl und Suwarow entstandenen Missfälligkeiten dem längern Beistand der Russen kein Ziel gesetzt hätten. Die Eifersucht, mit welcher schon in vorigen Jahren die Östreicher, die gute Sache ihres Monarchen am Rhein und in den Niederlanden rückgängig machten, wurde nun auch gegen die Russen an den Tag gelegt. Als ob eigene Ehre nicht bei der Ehre eines andern, bestehen könnte, hat sich seit längeren Zeiten eine kleinliche Tadelsucht er östreichischen Offiziere, und durch dieses des ganzen Heeres bemächtigt. Gewohnt von jeder Macht mit Verachtung zu sprechen, wird auch selbst dem Freund sein wohlerworbener Ruhm missgönnt, oder geschmälert. Jedes verlorene Treffen hat der Feind gegen die Östreicher durch erkaufte Verräterei gewonnen. Von seiner Tapferkeit und Kriegskunst, weiß man in Wien und bei der Armee nichts. Zur Probe, wie hoch man in der Kaiserstadt die Unüberwindlichkeit der Kaiserlichen Krieger anschlage, mag folgendes dienen: Als man 1792, zum Feldzug in Frankreich beträchtliche Vorkehrungen machte, wobei der Kaiserliche Hofkriegsrat bekanntlich das ganze Geschäfte zu leiten hatte, befand sich sich unter den hier angestellten Offizianten ein angesehenes Glied, dessen Name dem Leser gleichgültig sein kann, diesem dünkte es, man treffe der Anstalten gegen die Franzosen viel zu viel. Er ließ sich daher also vernehmen: "Ich begreife nicht, was die großen Vorbereitungen sagen wollen. Man schicke zwei Regimenter Ungarische Husaren, mit Peitschen in der Hand, nach Frankreich, so hat der Spaß ein Ende." Sollte diese Anekdote von jemand in Zweifel gezogen oder dahin gedeutet werden, es habe allenfalls einer von den sogenannten Alltagsschreibern auf dem Hofkriegsrat, dergleichen Unsinn von sich hören lassen, dem kann man die Versicherung geben, das es ein Mann von Bedeutung, in im Kaiserl.  Königlichen Dienst stehender, gewisser Herr von ***  gewesen, aus dessen Mund die vorstehende Rede geflossen und dass sie hier aus der Erzählung eines Freundes der Wahrheit, der selbige as Ohrenzeuge beteuerte, aufgenommen worden. Alle die Wien gesehen und dort einige Zeit gelebt haben, müsen bezeugen, dass neun Zehntteile der Stadt, der nämlichen Meinung gewesen seien. Wird man sich darob wundern, wenn aus ohnlängst erst erschienenen Schriften, vom Befehlshaber der Östreichischen Armee, General Mack, der thrasonische Ausdruck gelesen wird: "Preussen könne mit 25.000 Kosaken im Zaum gehalten werden?" Wenn der Chef eines großen heeres, das aus dem Kern der Kaiserl. Östreichischen Völker bestand, sich dergleichen Ausfälle erlaubt, wer wirds dem Subatanten deren mehrere von der Schneiderschere an, innerhalb sechs Wochen das Portoepee hatten?1) verargen, dass sich Gaskonnaden (Windbeuteleien) hervortut, oder wenn sie bei offenen Tafeln, an denen einer de Verfasser selbst mitspeiste, sich der belachenswürdigen Erzählung nicht schämen, es hätten zwei Kaiserl. Offiziere, die sich zu Frankfurt am Main, im Roten Haus, zur Zeit der Feldzüge am Rhein befanden, durch Plackereien der zugegen gewesene preussischen Offiziere beleidigt, sehen dieser letzten beim Kragen ergriffen und ihnen einen kleinen Spaziergang, zum Fenster und Türe hinaus, gewiesen.

Was doch die, bei Bonapartes Eintritte in Steiermark, zu Wien aufgestellten Freiwilligenverbände denen Kaiser Franz Medaillen austeilen und zu ihrer Ehre ein icherliches Fest anordnen ließ, jetzo zu ihrer Entschuldigung sagen mögen, da sie die letzte Besitznahme der Kaiserstadt ruhig ansahen, ohne der Welt das geringste Zeichen ihrer bei Wien und Bier hoch angeschwollenen und unbezwinglichen Tapferkeit zu geben. Wären die letzten Kriegsauftritte in die Zeiten Joseph II. gefallen, so lässt sich mit Grund mutmaßen, das der Feind seinen Eintritt in die Kaiserlichen Erblande, vorzüglich aber in die Hauptstadt, bei weitem teurer bezahlt hätte. Josephs Ansehen hielt seine Offiziere in Respekt und Diensteifer, seine Wachsamkeit entging kein Pflichtvergessener, seine Belohnungen waren Aufmunterung und seine Gegenwart dem Nachlässigen höchstgefährlich. Die Bemühungen des Monarchen zur Aufklärung und Verstandsbildung der seinem Zepter gehorchenden Nationen konnten nicht ohne Frucht bleiben, wohin auch treue Anhänglichkeit an den Regenten und echte Vaterlandsliebe gehört. Die Schmähsucht, mit der man dieses Kaisers eingeführte Toleranz und andern Einrichtungen herabwürdigte, musste zu loben aufhören, sobald die vom Landesfürsten bezielten Vorteile zugegen waren. Joseph beschränkte weder in Wien noch anderswo die Freiheit des Bürgers durch Polizeianstalten, die demselben auf allen Wegen verfolgten. Jeder durfte seinen Freund sprechen und sprechen hören, wie ihm nur der Stoff zur Unterredung einfiel, oder an die Hand gegeben wurde. Ob auch schon durch diesen Monarchen in dem Gottesdienste nicht abgeändert wurde, so arbeiteten doch seine Gesetze dem groben Aberglauben entgegen, welchem die von ihm gegebene Zensur- und Pressfreiheit unfehlbar den Untergang bereiten musste. Noch ist zwar eine beträchtliche Anzahl von Köpfen in und außer Wien, welche die Freiheit, womit Joseph das Forschen und Denken begünstigte, sehr wohl zu gebrauchen wussten. Dieser sind jedoch viel zu wenig, als dass ihr Licht die unzähligen Winkel der Finsternis beleuchten könnte, worin Unwissenheit und Nacht der Vorurteile allen helleren Kenntnissen den Eingang verwehren. Es ist kein Irrtum, anzunehmen, das jede mittelmäßige Stadt in Deutschland, wenigstens eben so viel Gelehrte im eigentlichen Verstande, als Wien, aufweisen könne, von gereinigter Vernunft aber, eine weit größere Anzahl, als diese erste deutsche Stadt, besitze. In hohen und niedern Zirkeln liefern die Freuden einer wohlbesetzten Tafel, Unterhaltungen mit dem schönen Geschlechte und Belustigungen des Theaters, die Materie zum Gespräch. Wir berufen uns hierüber auf den launigen Verfasser, der Briefe eines Eipelbauers an seinen Vettern. Nie at ein Schriftsteller sein Original genauer kopiert, wie in so treffenden Zügen geschildert, als dieser Östreichische Redner. Man frage nicht lange, woher diese Verstimmung? Woher dieser Mangel an soliden Kenntnissen und an Wissenschaften, die nebst der Aufklärung des Verstandes, zugleich dem Herzen edle Gesinnungen mitteilen? Kann wohl die unter jetziger Regierung angeordnete Zensur, ohne dergleichen nachteilige Folgen zu veranlassen, ihr Amt verrichten? Wenn gleich einige angesehene Gelehrte oder Herrschaften in Wien, die besten Werke unsers Zeitalters, ihren Wert nach, kennen und besitzen, so bleiben doch viele tausend andere in Publikum, dieser Hilfsmittel zu ihrer Belehrung beraubt, bei denn Alltagskenntnissen stehen, und gehen, da ihre Einsicht nicht fortschreitet, in der Tat hinter sich. Der Kaisl. Röm. Hof gründet zwar die unterdrückte Zensurfreiheit und seine mit dem Bücherverbot gewonnenen Maßregeln auf die Vorgänge in Frankreich, woher noch vor kurzer Zeit allen Monarchen der Untergang angedroht und allenthalben der Same zu Rebellion ausgestreut worden. Damit ließe sich wohl die Einfuhr solcher zum Aufruhr ratenden Schriften, als gefährlich und unerlaubt, rechtfertigen. Allein das strenge Bücherverbot hat offenbar noch ganz andere Ansichten zum Grunde, und unleugbar wurde das freie Bücherlesen zur Sache der Religion gemacht. War doch nach dem liberalen Urteil eines vormaligen Wiener Professors, dem der dortige Superintendant Fock eine Verteidigung entgegen setzte, selbst die protestantische Religion eine Stifterin der Unruhen bei Untertanen gegen ihre Obrigkeit. Was wird dieser große Geist, desgleichen so viele sind, erst von den neuen Versuchen Kants, Fichte, Schellings, Reinhards u. a. denen die bisherige Weltweisheit noch kein Genüge tat, die daher als Reformatoren derselben auftraten, ja sich sogar weiter dünken als Aristoteles, der Stammvater aller gläubigen Philosophen, was wird Hofmann (dies ist sein Name) wohl von diesen Neueren,  für Begriffe haben? Religion und Staat werden ihm durch diese Spitzköpfe, die überdies alle Lutheraner sind, in dusterste Gefahr gebracht scheinen. Kein besserer Rat also, denn man vertilge ihre und ihrer Schüler gottlose Schriften, man verriegle ihnen jede Tür und lasse alle die von dieser Pest angesteckt, sein mögen, eine vieljährige Quarantäne halten, um gewiss zu werden, das sich das Übel durch sie nicht weiter verbreiten werde. Der zum Denken fähige Kopf muss es notwendig schwer empfinden, wenn ihm, mit umbarmherziger Hand, solche Schriften aufs Auge gedrückt werden, an denen er seine eigenen Kräfte versuchen, üben und schärfen konnte. Unzufrieden mit dem Druck, der ihn in seiner Laufbahn hindert, legt er entweder seine fernere Kultur ganz beiseite oder fängt in der Stille an, ein Feind der vaterländischen Regierung zu werden, die ihm eines der ersten Rechte der Menschheit, des Rechts, die Fortschritte seines Zeitalters in den Wissenschaften, zur eigner Vervollkommnung zu benützen, verlustig macht. Je mehr sich diese Zahl der Unzufriedenen vergrößert, desto größer wird die Gefahr des Staates, der eben durch die strenge Unterdrückung der Freiheit im Denken, seine eignen Grundsätze verdächtig macht. Und gesetzt bei der unzähligen Menge von Schriften die von Zeit zu Zeit zum Vorschein kommen, nicht wenige in die Welt treten, deren Lesen weder dem Verstand noch Herzen einige Vorteile gewähret - so kann auch dadurch noch kein Verbot begründet werden. Wo schon Kenntnisse und Einsicht vorhanden, können dergleichen Arbeiten nie Eingang gewinnen und jenen, die von gelehrten Unterricht sich keine Beschäftigung machen, bleiben selbst mittelmäßige Schriften völlig unbekannt.

Fußnote