Ausstellung »König Lustik!? – Jérôme Bonaparte und der Modellstaat Königreich Westphalen«
von Michael Gnessner
- Jérôme Bonaparte
Die 8. hessische Landesausstellung »König Lustik!? Jérôme Bonaparte und der Modellstaat Westphalen« geht knapp 200 Jahre nach der Gründung des kurzlebigen Königreichs der Bedeutung dieses Modellstaats nach. War König Jérôme ein moderner, liberaler Fürst, der für seine Zeit zu fortschrittlich war oder doch nur ein verschwendungs- und prunksüchtiger Vasall seines älteren Bruders in Paris? Diese Frage will die Ausstellung nachgehen, indem Sie die Ausstellung bewusst unter den Titel »König Lustik!?« stellen.
Die Museumslandschaft Hessen-Kassel hat seit 2005 große Anstrengungen in die Landesausstellung investiert. Insgesamt präsentiert die Ausstellung auf 2000 m2 insgesamt 600 Objekte, die aus den Sammlungen von 180 Leihgebern stammen. Zu den Leihgebern gehören neben dem Louvre, Versailles und Fontainebleu in Frankreich. Die Eremitage in Stankt Petersburg und die National Gallery in London steuerten Ausstellungstücke bei.
Mit dem Königreich Westphalen wurde erstmals, wenn auch von der Gnade Napoleons, ein moderner Staat geschaffen, der einen liberalen konstitunellen Monarchen an seiner Spitze haben sollte: Jérôme Bonaparte, dem erst 23jährigen jüngsten Bruder Kaiser Napoleons.
Jérôme Bonaparte kam mit einer Verfassung für sein neues Königreich, diktiert von Napoleon I., in der Tasche in Kassel an. Der neue Modellstaat war der erste deutsche Staat, der eine moderne Verfassung mit auf den Weg bekommen hatte. Die anderen deutschen Staaten folgten erst Jahrzehnte Später, der bayrische König erließ 1818 eine Verfassung während Preussen erst nach der Revolution von 1848/49 eine Verfassung bekommen hatte. Auch gab es im Königreich Westphalen das erste Parlament auf deutschen Boden.
In der Zeit der westphälischen Herrschaft Jérômes entwickelte sich Kassel zu einem Zentrum von Kultur und Mode im Westen Deutschlands. Selbst der angesehene Ludwig van Beethoven stand kurz vor einer Anstellung am Kasseler Hof. In den Jahren der Herrschaft Jérômes wurde Jacob Grimm 1808 zum Privatbibliothekar des Königs. In dieser Zeit veröffentlichte er auch seine Märchensammlung zusammen mit seinem Bruder Wilhelm.
Auf der anderen Seite wird in der Ausstellung aus deutlich, das die Herrschaft Napoleons in Deutschland Schattenseiten hatte. So wurden bereits vor der Ankunft Jérômes in Kassel, die Kunstsammlung des Herzogs von Hessen-Kassel geplündert. Zahlreiche Werke von unermesslichen Wert landeten im Besitz des Musee Napoléon, dem heutigen Louvre, und verweilen zum Teil noch heute dort.
Auch griff der große Bruder Jérômes oft ohne Rücksicht auf die Eigenstaatlichkeit zum Beispiel auf die Resourcen des Kunststaates seiner Gnaden zurück. Während der napoleonischen Kriege zogen immer wieder junge Westphalen unter den Fahnen der Grandé Armée in den Krieg für den Ruhm und die Ehre Frankreichs.
Zusätzlich gelingt es der Ausstellung aufzuzeigen, dass es dem neuen Monarchen und Herrscher nicht gelungen ist, den im Volk über Generationen gewachsenen Traditionen neue Traditionen und Ideen gegenüber zu stellen. Ohne die Schaffung neuer Ideale für das Königreich war das Experiment Musterstaat Königreich Westphalen direkt zum Scheitern verurteilt.
Insgesamt hat die Museumslandschaft Hessen-Kassel mit der groß angelegten Ausstellung »König Lustik!? - Jérôme Bonaparte und der Modellstaat Königreich Westphalen« eine sehenswerte Ausstellung. Sie bietet zum ersten Mal eine umfassende Darstellung des 6 Jahre existierenden Staates und wirft ebenso einen Blick auf die Sonnen- wie auf die Schattenseite dieser Jahre. Ob nun Jérôme Bonaparte einer Neubewertung unterliegen muss oder ob auch zukünftig das Bild des lebensfrohen Franzosen weiter vorherrschen wird, überlässt die Ausstellung grundsätzlich dem Besucher selbst.
Den Kuratoren Arnulf Siebeneicker und Thorsten Smidt ist es gelungen, die Ausstellungsobjekte so anzuordnen, dass innerhalb der Ausstellung eine Dynamik vorhanden bleibt. Während des Rundganges hatte ich den Eindruck in einem Film zu sein, der wohl gegliedert zahlreiche Facetten des Modellstaats vorführte, ohne das Langeweile aufgekommen wäre oder man das Gefühl hatte, das Aussagen sich wiederholen. Ebenfalls ist durch die Auswahl der Objekte, von Meisterwerken europäischer Kunst bis hin zu Alltagsobjekten für den Kunstliebhaber aber auch Geschichtsinteressierten immer etwas dabei. Positiv ist auch noch die Verknüpfung zwischen Moderne und Vergangenheit hervorzuheben, die insbesondere durch einleitende Zitate in Vorräumen der Ausstellungsthemen gelungen ist.
Persönlich fand ich jedoch die für diese Einleitungsräume gewählte rote Farbe, die der von Seenotrettungskreuzern gleich war, nicht sehr angenehm. Aber damit lenkte man die Aufmerksamkeit auf die Zitate, jeweils ein historisches und ein zeitgenössisches aus unseren Tagen.
Wer die Gelegenheit hat, die Ausstellung in Kassel zu besuchen, sollte es sich nicht nehmen lassen. Wer unschlüsslig ist, sollte sich auf alle Fälle bemühen, den Weg in die nordhessische Stadt zu finden.
Zur Ausstellung ist auch ein sehr umfangreicher Begleitkatalog zur Ausstellung erschienen, der im Museumsshop zum Preis von 29,00 € im Museumsshop zu beziehen ist. Über den Buchhandel ist der Katalog zum Preis von 45,00 € unter der ISBN 978-3777439556 ab sofort zu beziehen. Neben mehreren Fachaufsätzen zum Königreich Westphalen bietet dieser Band zahlreiche Abbildungen aller Ausstellungsobjekte.
Insgesamt ein sehr empfehlenswerter Ausstellungkatalog, der zahlreiche, manchmal auch großformatige Objekte anschaulich darstellt.
Die Ausstellung »König Lustik!? – Jérôme Bonaparte und der Modellstaat Königreich Westphalen« kann vom 19.03.2008 bis zum 29.06.2008 im Museum Fridericianum, Friedrichsplatz 18, 34117 Kassel besichtigt werden. Die Ausstellung ist Dienstags bis Freitags von 10:00 bis 18:00 Uhr geöffnet. Zusätzlich bietet das Museum Frühaufstehern jeden Mittwoch ab 08:00 Uhr die Möglichkeit, die Ausstellung zu besichtigen. Donnerstags besteht für „Nachtschwärmer“ ebenfalls die Möglichkeit, die Räumlichkeiten des Museums bis 20:00 Uhr zu besichtigen. Die Ausstellung ist zustäzlich Ostermontag und Pfingstmontag von 10:00 – 18:00 Uhr geöffnet. Am 01. und 22.05. öffnet die Ausstellung zusätzlich von 10:00 Uhr bis 20:00 Uhr.
Der Eintritt kostet regulär 8,00 €. Gruppen ab 10 Personen zahlen einen ermäßigten Eintritt von 6,00 €. Studenten und Auszubildende zahlen nur 3 € Eintritt. Kinder und Jugendliche bis zum vollendeten 18. Lebensjahr haben freien Eintritt. Im Eintrittspreis ist (falls verfügbar) auch ein Audioguide in deutscher und französischer Sprache inbegriffen.
Täglich um 15 Uhr bietet das Museum eine öffentliche Führung, zusätzlich am Sonntag um 12 Uhr, die zum Preis von 3,00 € dazugebucht werden kann.
Für Lehrer ist ein Begleitheft erschienen, dass systematisch in das Ausstellungsthema einführt und Anregungen für mögliche Themenschwerpunkte in der Unterrichtsarbeit bietet. Es ist über die Museumslandschaft Hessen-Kassel oder im Museumsshop zum Preis von 3,00 € zu beziehen.
