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Grabrede Heinrich Dietrich von Grolman

vom 24.10.1840

Indem wir uns so zahlreich hier versammelt haben, um die Leiche des ehrwürdigen Greises zur Ruhestatt zu geleiten, der fast 100 Jahre auf unserer Erde verweilt hat, tritt gewiss allen, besonders aber denen, welche ihn früher gekannt haben, das schöne Bild lebhaft vor Augen, das im noch frischeren Alter sein Anblick uns darbot. Jeder erinnert sich  noch mit Freuden seiner scharfen, edlen Züge, des kraftvollen, lebhaften, und doch so gutmütig freundlichen Blickes seiner Augen, seiner schönen weißen Haare, seines festen Trittes, seines kräftigen Händedrucks. Selten kündigte wohl bei einem Menschen der äußere Anblick des Leibes so sehr die unsichtbare Gestalt der Seele an, welche ihn bewohnte. Der scharfe, klare Verstand der lebendige Sinn für das, was er als gut und recht erkannte, die unerschütterlich ruhige Festigkeit des Willens, die schlichteste Ehrlichkeit und Gradheit, verbunden mit einem freundlichen Wohlwollen gegen alle, die mit ihm in Verbindung kamen, das waren die edlen, schönen Gaben, mit denen Gott ihn ausgestattet hatte. Seine Jugend, ja selbst sein früheres Mannesalter fällt in eine Zeit, die uns allen schon sehr fern liegt. Wer wüsste aber nicht, dass er in seinem reiferen Jahren - er der letzte, der unsere Tage erlebt hat - ein Mitarbeiter gewesen ist an einem so großem, folgenreichen Werke, als es unser Allgemeines Landrecht ist? Es ist nicht dieses Orts und nicht meine Sache, das hervorzuheben, was ihn dabei zu verdanken ist; nur das sei mir erlaubt, aus eigener Erinnerung anzuführen, wie er, wenn er von jener Zeit und jener Arbeit erzählte, nach seiner Gewohnheit auch berühmter und angesehener Namen nie schonte, sonder mit Schärfe es rügte, wo er die lautere Gesinnung und den festen redlichen Willen vermisst hatte. In der Zeit, in welche die Jugend vieler fällt, die hier anwesend sind, war er schon in dem anerkanntesten Rufe einer ausgezeichneten Rechtskenntnis, einer auf lange Erfahrung gegründeten, stets klaren und ruhigen Unterscheidung, eines festen und unbestechlichen Sinnes für das Rechte, wodurch er nach allgemeiner Ansicht für das höchste Richteramt unseres Landes besonders befähigt war. Ganz vorzüglich erprobte sich aber diese feine Gesinnung zu der Zeit der tiefsten Erniedrigung unseres Vaterlandes. Es wird erzählt, als er nach Napoleons Einzuge in Berlin ihm vorgestellt wurde, habe dieser spöttische Bemerkungen über die, wie er es nannte, törichte Einrichtung im Preussischen gemacht, dass ein jedes Todesurteil vom Könige bekräftigt werden müsse; worauf ihm der damals schon über die Mitte der Sechziger hinausgeschrittene ehrwürdige Mann mit gewohnter ruhiger Festigkeit geantwortet: "Sire, man kann nie genug tun, um eine Menschenleben zu retten!". In jener Zeit unserer Schmach waren solche Männer, wie er um so mehr für das ganze Vaterland von Wichtigkeit, als dessen Fall zum großen Teil der sittlichen Erschlaffung und Versunkenheit zuzuschreiben war. Lebhaft erinnere ich mich noch aus meiner Kindheit, mit welchem regen Interesse er dem Gange der Ereignisse folgte, wie er einer der ersten war, welcher die große Wendung der Dinge in Aufstand voraussahen wie er stets ernst und nachdrücklich zum Festhalten an der Liebe zum Vaterlande ermahnte, wie er dann, nicht mit stürmischer Begeisterung, aber mit desto wachhaltiger Kraft an der Erhebung unsres Volkes Teil nahm. Auf diese Zeiten folgte für ihn noch ein langes, ruheloses Alter; bis in sein neunzigstes Jahr blieb er im amte, und, wie wöchentlich zweimal seine anwesenden Kinder und Enkel sich um ihn versammelten, so verging nicht leicht ein Jahr, wo nicht auch die Abwesenden ihn besuchten; nach mehrjähriger Unterbrechung hatte er das Glück und die Freude, seinen vorzüglich geliebten ältesten Sohn wieder in der Laufbahn zu sehen, auf der er ihn stets mit so besonderer Teilnahme gefolgt war; und frühere Verluste abgerechnet, sah er im höheren Alter keines seiner Kinder vor sich hinüberfahren.

Zu diesen wenigen Worten der Schilderung wie sie mir herzliche Liebe und Ehrerbietung gegen diesen Verstorbenen eingeben hat, sei es indes mir, als einen Diener des Evangeliums unseres Herrn Jesu Christ, und als einem der durch Verschwägerung dieser Familie nahe verbunden ist, erlaubt, ein Wort hinzuzufügen, was ich, wie es in Liebe gesprochen ist, so auch alle in liebe aufzunehmen bitte. Dem in so vieler Hinsicht achtungswerten, ehrwürdigen Manne, den wir heut zu Grabe geleiten, dem Gott so viele schöne edle Gaben verliehen hatte, ist das Evangelium von Jesu Christo, die freudenreiche Botschaft, dass Gott us seinem eingeborenen Sohn gesandt hat, damit, wer an ihn glaube, nicht verloren werde, sondern das ewige Leben Leben habe, fremd geblieben. Lassen Sie uns davon, wie ich es gern beim Andenken an einen on mir geliebten Mann ihre, hievon die mildeste Ansicht fassen. Seine Jugend fiel in eine Zeit, wo die christliche Kirche in unserem Vaterlande viel Abstoßendes und Unerfreuliches darbot. An vielen Orten war die einfache Predigt von der Liebe Gottes die den Heiland uns gesandt hat zur Versöhnung für unsere Sünden, von dem Wuste der Schulstreitigkeiten überwuchert und verdunkelt; die Kirch nahm oft eine herrische und gebieterische Stellung an; der Glaube des Einzelnen erschien nicht so sehr als ein Werk der freien von Gott geleiteten Überzeugung, als vielmehr als eine notwendige Befähigung zu einer Stellung in der Welt und im Staate. Damals regierte König Friedrich II., der durch den Ruhm seiner Taten, wie seiner aufgeklärten Regierung die Welt erfüllte; der aber auch durch seine Stellung zur christlichen Religion eine Saat ausgestreut hat, von der wir seit 1806 geerntet haben; der - lasst uns des wohl eingedenk bleiben - gegen das Ende seiner Regierung dem Großkanzler Carmer selbst gesagt hat, wenn er die Sitten wieder auf den Punkt bringen könnte, wo sie beim Tode seines Vaters gewesen, er ließe sich einen Finger abhauen. Wer wollte da über den Einzelnen voreilig richten, welcher in die neue Bahn der Zeit mit einlenkte, die ja in vielem auch ihre Berechtigung hatte, wenn diese Zeit auch mit der befleckten und verunstalteten Schale den edlen Herrn selbst wegwarf? Lasst uns vielmehr den, welcher auch in einer solchen Zeit Zucht und Sitte aufrecht erhalten und die Ehrfurcht vor dem göttlichen Gesetze gepflegt hat, als einen Wegbereiter für eine neue Ausbreitung des Evangeliums ansehn.

Um desto mehr, geehrte Anwesende, kommt es uns aber zu, deren Lebenslos in glücklichere Zeiten der Kirche Christi gefallen ist, dem uns erschienenen helleren Lichte mit eben der Treue zu folgen, wie wir in Liebe von diesem ehrenwerten Verstorbenen es glauben, dass er dem seinigen gefolgt ist. Zu unsrem Zeit ist das Evangelium von der Gnade Gottes in  Christo nicht mehr von Schuldgezänk überwuchert und verdunkelt; einfach und lauter, als de Verkündigung der ewigen Liebe Gottes an sündige Menschen, wird es in unserem Vaterlande und in unserer Hauptstadt verkündigt, und seine das Herz und Leben erneuernde, erwärmende, tröstende und stärkende Gotteskraft hat aufs Neue an so vielen sich bewährt. Jetzt gilt es nicht mehr, an menschlichen Verirrungen sich u stoßen, die auf Erden auch dem Heiligen und Herrlichsten sich zugesellen; jetzt gilt es nicht mehr, über Unklarheit und Dunkelheit der Lehren zu klagen, die so viele edle von Gott erleuchtete Geister aufs Neue ins Licht gesetzt haben.

Wir haben hier keine bleibende Statt; unser Leben ein schnell dahin als flögen wir davon; und hat es auch 100 Jahre gedauert, es ist eine kurze Spanne Zeit gegen die Ewigkeit. Und doch, das verkündigt uns der Sohn Gottes, hängt von diesem kurzen und ungewissen Leben so unendlich viel ab: die Sünde, die tief in unsrem Herzen wohnt und seine edelsten Kräfte und Triebe vergiftet, muss hier überwunden, die heilende Kraft der Gnade Gottes in Christo muss hier ergriffen und das Herz bereitet sein, in der Ewigkeit den Gott zu schauen, dem kein gottloses Wesen gefällt, und wenn es auch in die ehrbarste Gestalt sich kleidete, und vor dem kein Lebendiger gerecht ist, und folgte ihm auch noch so viel Menschenruhm nach. Da lasset uns also jetzt auf die Stimme des Sohnes Gottes hören, der schon hier innerlich zu einem neuen Leben uns ruft, damit wenn einst seine Stimme erschallt, die aus dem Gräbern am Tage des Gerichts, und nicht zu Schanden werden vor ihm in seiner Zukunft! Amen.

Du aber, Vater der Barmherzigkeit, der du uns diesen Verstorbenen als ein Vorbild in der Ehrfurcht vor deinem Gesetze so lange geschenkt hast, erfülle uns alle mit heiliger Furcht vor deinem Wort und Willen, und mit dankbarer Liebe gegen deine Gnade, die uns deinen sohn zum Erlöser von der Sünde gegeben hat. Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, und dass nichts vor dir gilt, als der Glaube an deinen Sohn Jesum Christum, der durch die Liebe tätig ist! Also lass uns in deiner Furcht und Liebe vor dir leben und wandeln, und an uns selbst verzögernd, aber in festen Glauben an deinen Sohn dereinst hinübergehen und das ewige Leben ererben durch denselben deinen lieben Sohn Jesum Christum, unseren Herrn! Amen.

Quelle:
Gerlach, Otto von: Rede am Sarge Sr. Exzellenz des königl. wirklichen Geheimrats und Geheimen Obertribunals-Präsidenten Herrn Heinrich Dietrich von Grolman. - geb. am 31. Dezember 1740, gest. am 21. Oktober 1840, gehalten am 24. Oktober von Otto von Gerlach, Berlin 1841