EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Brief Heinrich Dietrich von Grolmans an seinen Sohn Karl Wilhelm

vom 24.06.1815.

28 Juli 1815

Lieber Sohn! Weil ich nicht weiß, ob Du meine, mit der Post abgesandten Briefe auch richtig erhalten hast, so habe ich die Beantwortung Deines letzten Briefes bis zur Abreise des Oberstleutnants von Lützow aufgeschoben, welche sich durch die Krankheit und den Tod seiner Mutter bis hierhin verzögert hat. Die allgemeine Freude über den glücklichen und geschwinden Ausgang des Krieges brauche ich Dir ebensowenig zu schildern, als unsre besondre Freude, dass Du, Dein Bruder und die 3 Gerlach?s unbeschädigt erhalten sind, welches bei dem großen Blutvergießen fast für ein Wunder anzusehen ist, und nicht erwartet werden konnte. Es scheint aus Deinen Briefen, als wenn Du glaubtest, ich beschuldige die Blücher?sche Armee der Langsamkeit. Dies ist mir nicht in den Sinn gekommen, ich könnte sie eher wegen Übereilung und zu großer Geschwindigkeit anklagen. Wenigstens würde der G: Tempelhof, wenn er noch lebte, es algebraisch berechnet haben, dass es unmöglich sein in 14 Tagen 2 Schlachten zu liefern u. von Brüssel nach Paris zu marschieren. Wenn ich der Langsamkeit erwähnt habe, so habe ich darunter die Bundesgenossen, das Zurückbleiben des 5ten, 6ten u. 7ten preussischen Armee-Korps, das verzögerte Einrücken in Frankreich verstanden, wodurch dem Napoleon Zeit gelassen ist, Kräfte zu sammeln, und die innerliche Unruhe zu stillen, wie in der Vendee geschehen ist. Nun mehr hat freilich der Ausgang gezeigt, dass auch dieses, ja selbst der Verlust der Schlacht am 16ten uns vorteilhaft gewesen ist. Wäre Napoleon am 16 geschlagen worden, so würde der Sieg doch nicht so vollkommen gewesen sein, als er am 18ten erfochten ist. Napoleon würde sich zwischen die Festungen zurückgezogen haben, und es würde nur langwieriger Festungskrieg entstanden sein, wofür ich mich immer gefürchtet habe. Nunmehr ist nur zu wünschen, dass die erhaltnen Vorteile recht benutzet und Preussen für seine großen Aufopferungen auf eine nützliche Art entschädigt werde. Aber ich habe zu den Unterhandlungen kein sonderliches Zutrauen. Die Mächte, welche am wenigsten getan haben, werden bei demselben wohl das große Wort führen, und Alexander, der so sehr zu Unzeit den Großmütigen spielen will, wird überall schädlich sein. Ich höre, dass Du gar nicht nach Paris gehen willst. Aber wird es Dir künftig nicht einmal Leid tun, die Gelegenheit, die Merkwürdigkeiten dieser Stadt kennen zu lernen, so ganz versäumt zu haben? Man mag das französische Volk noch so sehr verachten, so kann einem der Anblick des Apoll von Belvedere, der Mediceischen Venus und der andern Kunstwerke doch Vergnügen machen. Und sollte nicht auch in militärischer Rücksicht vieles in Paris zu finden sein, welches kennen zu lernen, dessen Einrichtungen zu erforschen, Dir nützlich sein könnte? 

Neues habe ich Dir von hier aus nicht zu melden. Wir sind alle gesund, die Einbeck hat einen Sohn, die Arnim eine Tochter zur Welt gebracht, bei der Schenck ist heute Kindtaufe. Wir erwarten, dass Du und Dein Bruder noch vor Ende dieses Jahres zurückkommen werdet. Bis dahin unterlass nicht, fleißig zu schreiben. Du wirst ja jetzt musse dazu haben, und Du kannst Dir nicht vorstellen, welche Freude Dein Brief allen verursachte, und auch mir als Deinem Dich stets liebenden

Berlin, 28 Juli 1815.

Vater v. Grolman

Quelle:
Schweinitz, Anna-Fanziska von: "Briefe aus den Befrieungskriegen - Heinrich Dietrich von Grolman an seinen Sohn Karl vom 10.07.1807 bis 06.06.1816", o.J., o.O. (Privatdruck)

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