EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Tagesbefehl General Yorcks von Wartenburg an das 1. Armeekorps

vom 07.07.1814.

Seine Majestät der König haben geruhet, mir das Generalcommando von Schlesien zu übertragen, und mich von dem Commando des Ersten Corps abzuberufen. Ich bin im Begriff, zu meiner neuen Bestimmung abzugehen, und darf nun nicht länger mehr zögern, Euch, meine braven Soldaten des Ersten Corps, das letzte Lebewohl zu sagen.

Mit Rührung trenne ich mich von einem Corps, welches in drei blutigen Feldzügen so heldenmüthig focht, und sich durch jede militairsche Tugend auszeichnete.

Es war ein Theil des ersten Corps, welches in Curland der preußischen Armee ein Beispiel des Gehorsams, der Tapferkeit und des Edelmuthes gab. Im Stamm des Ersten Corps lebten damals die kriegerischen Tugenden unserer Väter von Neuen auf, und dankbar erkannte es das Vaterland, in dessen Hauptstadt die Gelübbe niedergelegt wurden, die uns dem Siege oder dem Tode weihten.

Ihr habt Euer Wort gehalten, Soldaten des Ersten Corps. – Ihr waret die Ersten, die bei Danigkow den Rücken des geschlagenen Feindes sahen. Die Tage von Groß-Görschen und Königswartha werden Euch zum ewigen Ruhm gereichen.

An der Katzbach gabt Ihr das Signal zu aufeinanderfolgenden Siegen, die das Vaterland befreiten. Mit hoher Rührung sah ich Euch damlas die angeschwollenen Ströme Schlesiens durchschreiten, und Eurer bei Wartenburg beweisenen Tapferkeit verdanke ich den Namen, den ich zur Ehre des Ersten Corps durch die Gnade Sr. Majestät forthin führen soll.

Die Völkerschlacht, durch die in den Ebenen von Leipzig Deutschlands Freiheit errungen wurde, sie ward von Euch, Soldaten des Ersten Corps, siegreich eröffnet. Stets die Ersten im heldenmüthigen Handeln, waren die von Euch errungenen Trophäen das Unterpfand der Siege, welche der fremden Tyrannei auf deutschem Boden ein Ziel setzten.

Aber nicht Deutschland allein, auch das fremde Landm von dem das gemeinsam erduldete Unheil ausgegangen war, ist Zeuge Eurer kriegerischen Thaten und Eurer Mäßigung gewesen. In den Gefechten von St. Dizier und La Chaussée,in den Schlachten von Laon und Paris habt Ihr den Weltfrieden erkämpfen helfen.

Ehrenvoll habt Ihr das Werk begonnen, ruhmvoll habt ihr es beendigt!

Zweihundert und fün und zwanzig mit den Waffen in der Hand auf den Schlachtfeldern eroberte Kanonen sind Trophäen, die dem Ersten Corps zum bleibenden Ruhm gereichen.

Ich fühle mich hochgeehrt, als ich an Eure Spitze trat; jetz ist es mein höchster Stolz und begründet die Freude meines Alters, Euer Führer gewesen zu sein.

Empfangen Sie nun, meine Herren Generale, im Augenblick der Trennung meinen Dank für Ihre Unterstützung in den Augenblicken der Gefahr, für Ihre, mit seltener Aufopferung durch Talent, und durch ein leuchtendes Beispiel dem Vaterlande geleisteten Dienste; Sie , meine Herren Brigadiers aller Waffen,die Anerkennung der ausgezeichneten Führung Ihrer Abtheilungen an so manchen blutigen, ruhmvollen Tagen.

Empfangen Sie, meine Herren Stabs- und Subalternofficiere, den Dank, den ich mit inniger Rührung für Ihre in diesem heiligen Kriege bewiesene Tapferkeit, und für die heldenmüthige Ertragung so außerordentliche Mühseligkeiten von Grund meines Herzens zolle. Sie haben ein hohes Verdienst um den schönen Geist, der in unserm Soldaten lebt, denn Ihr Standpunkt erlaubte es Ihnen, unmittelbar auf ihn zu wirken, und gern und freudig neigte sich der Soldat zu dem Beispiele, mit dem Sie ihn auf der Bahn der Ehre und des Ruhmes vorausgingen.

Ich wende mich jetzt zu Euch, meine braven Unterofficiere und Soldaten, die Ihr mir so viele Beweise Eurer Tapferkeit, Eurer Selbstverläugnung, Eures Gehorsams und Eures Vertrauens gegeben habt. Wie soll ich Euch die Empfindungen ausdrücken, von denen mein Herz bei der Trennung von meinen Kindern voll ist? Wie soll ich Euch würdig danken für die Ausdauer, die Ihr von den Ufern der Düna bis zur Seine, an heißen Schlachttagen, im Angesicht des Todes, bei den angestrengtesten Mühseligkeiten in zwei Winterfeldzügen, und bei Entbehrungen aller Art, bewiesen habt.

Mitten unter den Schrecknissen eines mit Erbitterung geführten Nationalkrieges, der seine Schritte durch Barbarei und Verwüstung bezeichnete, habt Ihr beweisen, daß der wahre Soldat der Menschheit nicht fremd werden darf. Die Zeugnisse feindlicher Generale und Obrigkeiten sind schöne Denkmäler des Geistes, der unter Euch waltet, und Eure Schritte zum Ruhme und zur Menschlichkeit geleitet hat. Ich danke, ich danke Euch als Euer bisheriger Führer, - als Euer Vater und Freund! –

So lebt denn wohl, Ihr Gefährten dreijähriger Kämpfe und Anstrengungen! Vergeßt einen General nicht, der mit schmerzlichen Gefühlen und inniger Rührung aus Eurer Mitte tritt, der Euch liebt und ehrt; und nehmt mich freundlich wieder auf, wenn das Vaterland wieder eines York’schen Corps bedürfen sollte.

Arlon, den 07.07.1814

York von Wartenburg

Quelle:
Charakterköpfe aus dem deutschen Befreiungskriegen, Band 1: Hans David Ludwig von York, Graf von Wartenburg., Hamburg 1863

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