EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Tagesbefehl General Yorcks von Wartenburg an das 1. Armeekorps

vom 07.07.1814.

Mein Sohn!

Erst jetzt nach hergestellter Ruhe habe ich Deinen Brief vom 18. Februar erhalten. Der frühere, von dem Du sprichst, ist mir gar nicht zugekommen. Die Gemeinschaft war in der letzten Epoche des Krieges so unterbrochen, daß der Postenlauf ganz und gar gehemmt war. Jetzt ist es, wie Du bereits wissen wirst, Friede, und man kann beinahe mit Gewißheit einen Frieden dauernd für eine ganze Generation voraussagen; denn alle Menschen sind erschöpft, alle Länder entvölkert, Alle bedürfen Ruhe. – Hätte der Krieg noch fortgedauert, so hätte ich Deinem Wunsch, Theil daran zu nehmen, kein Hinderniß in den Weg gelegt. Ich wollte nur Deine Einsegnung und Dein vollendetes 16tes Jahr abwarten; Alles war dazu bereit, Dich in die Reihen der Vaterlandsvertheidiger zu stellen. – Der Friede verändert die Lage der Dinge und ich glaube, daß Du selbst jetzt andere Ansichten über Deine künftige Bestimmung aufgestellt haben wirst. Ich bin keineswegs gesonnen, meinen väterlichen Willen Deiner Neigung zu irgend einem Stande, den Du Dir wählen willst, entgegenzusetzen. Die Leitung dieser Deiner Neigung mußt Du mir aber überlassen, und ich erwarte von Deinem Herzen und von Deiner Vernunft die Ueberzeugung, daß ich nur für Dein reelles Glück sorgen und handeln kann.

Ich habe Dir gesagt: werde nicht Soldat; ich sage es Dir heute noch, und zwar aus Gründen. Dieser Stand hat für die Jugend einen Schimmer, einen Reiz, ein glänzendes Aeußere. Nur durch die Erfahrung erkennt man das Schwierige, das Mühsame, das Undankbare und was das Allerunglücklichste ist, das Abhängige vom Zufall. Es ist nicht zu läugnen, daß es ein hohes Verdienst ist, für die Rechte seines Vaterlandes und seines Königs zu fechten, zu bluten und allen Gefahren zu trotzen; es ist das erhabenste aller Gefühle; sich auf dem Standpunkt zu sehn, wo man als Anführer dem Vaterlande große ersprießliche Dienste leistet. Dieses Ziel, dieser Standpunkt bleibt aber jedem Unterthan offen; dem ich will, daß jeder Unterthan in der Zeit der Noth als Vertheidiger des Vaterlandes auftritt. Ein junger Mann mit Kenntnissen aller Art ausgerüstet wird, wenn das Vaterland in Gefahr ist und er die Waffen zur Vertheidigung desselben ergreifet, sehr bald aus der Pflicht heraustreten und wenn er von Genie und vom Glück begünstigt wird, an der Spitze des Haufens glänzen. Blicke auf die Römer, die Griechen hin, siehe in der neueren Zeit einen Moreau. Du siehst aus diesem daß ich den Soldatenstand sehr ehre und schätze, und ich wünsche von Herzen, daß Du ein solcher Soldat einst werden mögest. Ich fordere Dich daher auch auf, alle Kräfte anzustrengen, um die Wissenschaften zu erlernen, die Dich zu diesem großen Zweck führen können. – Ein Tagelöhner-Soldat sollst Du aber nicht werden, das wünsche ich, das bezwecke ich. Ich nenne einen Tagelöhner-Soldaten einen jungen Menschen, der im 15-16ten Jahr ohne wissenschaftliche Bildung die Pike in die Hand nimmt, durch Dienstzeit und ein unbedeutendes Examen Secondelieutenant wird, und sodann erbärmlich die schönste Zeit seines Lebens verkümmert oder verschleudert. Nichts ist trauriger, als Subalternofficier in der Garnision. Ist er ein Mensch ohne Gefühl, ohne Sinn fürs Gute und Edle, so stirbt er dahin wie ein vertrockneter Baum, dem es an Nahrungsstoff fehlt. Ist er ein Mann von Kopf und Herz, so fühlt er das Drückende seiner Lage, er fühlt den Verlust seiner Zeit, strebt nach Vervollkommung, schafft sich die Wege dazu. Aber mit wie viel Schwierigkeiten hat er zu kämpfen, wie unendlich mühsam muß er sich alles erringen. Die Zeit der Kraft vergeht; was er als Knabe und Jüngling mit Leichtigkeit gelernt hätte, das kostet saure Mühe und schlaflose Nächte; seine Laufbahn ist verdorben, er fängt da an, wo der junge Mann von früherer Bildung aufhört. O mein Sohn, glaube mir, was ich Dir hier sage, ist eine schmerzhafte Erfahrung, bestätigt durch das Unglück von Hunderten von Beispielen vernachlässigter Jünglinge. Ich wiederholte es Dir, ich will Deine Neigung nicht beschränken, ich will sie nur leiten. Diesem nach ist es mein Wunsch, daß Du Deine Studien völlig absolvirest. Herzlich soll es mich freuen, wenn Du mit Aufbietung aller Deiner Kraft daran arbeitest und sobald als möglich die Reise zur Universität erlangst. Bist du dahin gelangt, nun so soll es ganz von Dir abhangen, was Du für Dein künftiges Leben unternehmen willst. Dich aber auf diesem Punkt zu sehen, ehe ich Dir die Wahl überlasse, ist meine Pflicht; verabsäume ich diese, so würdest Du mir einst gerechte Vorwürfe machen können; und das darf ich nicht veranlassen; denn der ganze Lebenslauf Deines Vaters ist frei von dem Vorwurf einer versäumten Pflicht. Nachdem ich hier mit väterlicher Liebe zu Deinem Herzen und zu Deiner Vernunft mit Gründen gesprochen habe, erwarte ich mit Zuversicht, daß Du mit aller Anstrengung Deine Lehrstunden benutzen wirst und daß Du bemüht bist, meine Wünsche und Dein dereinstiges Glück zu begründen.

Ich bin nunmehr am Ziel meines öffentlichen Lebens. Ich habe meine Pflicht gegen König und Vaterland erfüllt, ich habe dies große und schöne Gefühl, zum Wohle des Ganzen thätig und nützlich mitgewirkt zu haben – ich kann mich nun nach Ruhe sehnen und sie ohne Vorwurf genießen, hoffe auch, daß man sie mir gewähren wird. Vielleicht thut das Vaterland etwas, um meine Vermögensumstände zu verbessern. In diesem Falle mache ich jetzt schon den Entwurf, Dich, wenn Du wie ein gebildeter und gut unterrichteter junger Mann die Universität verlässest, drei Jahre reisen zu lassen, damit Du England, Frankreich und Italien kennen lernst. Wenn Du Deine Zeit gut benutzest, so kannst Du mit dem 17ten Jahr auf die Universität gehen und mit dem 20sten Deine Reise antreten und mit dem 23sten als ein mit Erfahrung und Kenntnis ausgestatteter junger Mann jede sich Dir bietende Laufbahn betreten. Bei meiner guten Gesundheit kann ich diesen Zeitpunkt noch erleben. Der Gedanke, dann in meinem Sohne einen Mann zu sehn, auf dessen gute Dienste das Vaterland in jedem Verhältniß rechnen kann, der die Stütze und Zierde seiner Familie wäre, dieser Gedanke, mein Sohn, ist beseligend für mich und faßt alle meine hienieden noch habenden Wünsche in sich. Dies, mein Sohn, sind meine Wünsche und Entwürfe Hinsichts Deiner. Ueberlege alles und schreibe mir Deine Meinung. Willst Du lieber den gewöhnlichen Weg einschlagen, nun, so vollende Deine Schulstudien und wenn Du reif zur Universität bist, so soll es von Dir abhangen, diese zu betreten oder nach abgelegtem Officierexamen in der gewöhnlichen Art ins Militair zu treten. Ich setze den Termin zu beiden bis zum vollendeten 17ten Jahr.

Du erwähntest Deiner Censur; ich habe sie aber in Deinem Schreiben vermißt – dahingegen sagt Herr Director v. Briesen, daß Du sie mir hast überschicken wollen; hierin liegt eine Zweideutigkeit. Ich kann Fehler verzeihen – ich hasse und verachte aber Zweideutigkeit und Verschlossenheit als häßliche Laster. – Aus dem Schreiben des Herrn Director an mich geht einige Unzufriedenheit mit Deinem Betragen hervor. Es scheint mir, Du hast einen falschen Begriff vom Ehrgefühl. Das wahre Ehrgefühl strebt danach, sich durch durch treue Erfüllung aller Obliegenheiten die Achtung aller Menschen zu erwerben und sich in sich selbst das Gefühl eines Werthes zu geben. Jede Zurechtweisung, die zu diesem Zweck führt, muß dankbarlich anerkannt werden, jeder Verweis, den man bekommt, mß zur Erkenntnis und Besserung führen; - Eigendünke, Starrsinn, Jähzorn sind Laster, die abschrecken und verachtet werden. Man steht damit gar bald allein in der Welt und taugt in den gesellschaftlichen Leben nichts. In Deinem Alter kann und darf man noch nicht absolut selbstständig sein wollen; man muß erst das Leben kennen lernen, ehe man leben will. In Deiner Organisation liegt mancher Keim, der, wenn Du nicht jetzt schon darauf wachest, zu großen Uebeln führen kann. Du hast ein sehr wollendes Blut, was Dich in Moment zu Uebertreibungen verleiten kann, deren Folgen Du nicht berechnen kannst, und was Dir im Leben manche Unannehmlichkeiten zuziehen wird und Dein Glück stören kann. Mache also, daß Du immer Herr eines Temperamentes bleibest, welches, wenn es gut geleitet wird, wie ein schönes Geschenk von der Natur zu betrachten ist. Denn der leichte Umlauf eines feurigen Blutes bewirkt auch eine leichte Fassungskraft und lebhafte Eindrücke das Gute und Edle. Die Grenzlinie zwischen dem Guten und Bösen ist hier aber so fein gezogen, daß Du alle Anstrengungen und alle Aufmerksamkeit anwenden mußt, immer besonnen zu bleiben und die schöne Naturgabe zur Quelle Deines Glückes und nicht zu der Deines Kummers und Unglückes zu machen. Von dem guten Fond Deines Herzens erwarte ich, daß Du meinen väterlichen Rath beherzigen und ausüben wirst. Es thut mir leid, Dir noch einen Vorwurf machen zu müssen,. Ich habe die Berechnung Deiner Ausgaben erhalten und darin manche unzeitige Ausgabe gefunden. Ich will Dich nicht zu sehr beschränken, aber Du mußt doch wirtschaftlich sein. Die Kosten, die Du mir gemacht hast, sind sehr ansehnlich. Du weißt, ich bin nicht reich; was ich habe, wird durch Wirthlichkeit Deiner Mutter und meine an unseren öffentlichen Verhältnissen und durch unsere eigenen Versagungen erspart, und diese Ersparnisse gehören Dir und Deinen Geschwistern in gleichen Theilen und mit gleicher Liebe. Bedarfst Du mehr, so ist es ein Nachtheil für Deine Geschwister. Ich hoffe, mehr darf ich Dir nicht sagen, um Dich zur Wirthlichkeit zu bringen.

Berherzige diesen Brief, prüfe Dich genau, zieh‘ Deine Vernunft zu Rathe. Verkenne meine väterliche Liebe nicht. Du siehst, ich behandle Dich nicht mehr wie ein Kind. Ich spreche zu Deiner Vernunft. Schreibe mir recht bald. Gotte leite und beschütze Dich, damit ich immer Gutes von Dir höre. Sei gut, edel und fleißig. Du erfüllst dadurch die inbrünstigen Wünsche Deines Vaters. Von der guten Mutter habe ich lange keine Nachricht gehabt, jetzt erhalte ich alle ihre Briefe auf einmal. Der letzte ist vom 30. März. Mit ihrer Gesundheit geht es immer nur leidend; - ihr fühlbares Herz wird durch Kummer und Besorgnisse für Dich und für mich sehr angegriffen. Schreibe doch oft an sie; dieser Trost ist eine Pflicht für Dich. Von Berthchen und Louis habe ich erfreuliche Nachricht; sie sind beide gut und fleißig. Mit Liebe und Hoffnung drücke ich Dich an mein Herz; sei immer der gute und edle Sohn

Deines Dich leibenden Vaters

York.

Arras im Departement Pas de Calais, den 26. April 1814.

Was sagst Du zu Herrn Bonaparte? – Ein großer Beweis, daß nur die Tugend groß machen kann, daß das Laster am Ende in Erbärmlichkeit untergeht.

Der Arme Genslin ist in der Schlacht bei Paris durch eine Kanonenkugel getödtet worden.

 

Quelle:
Charakterköpfe aus dem deutschen Befreiungskriegen, Band 1: Hans David Ludwig von York, Graf von Wartenburg., Hamburg 1863

Letzte Änderung der Seite: 27. 03. 2017 - 22:03