EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

August Neidhardt von Gneisenau an seine Gattin Karoline

vom 18.10.1813.

Wetterwitz bei Leipzig, den 18. Oktober 1813
des Morgens 5 Uhr.

Ich schreibe Dir am Morgen einer Schlacht, wie sie in der Weltgeschichte kaum gefochten ist. Wir haben den französischen Kaiser ganz umstellt. Diese Schlacht wird über das Schicksal von Europa entscheiden.

Schon vorgestern hat die Blüchersche Armee abermals einen herrlichen Sieg erfochten. Wir hatten das beste französische Armeekorps, das des Marschalls Marmont, dann noch das 4. und 7. Armeekorps, einen Teil der französischen Garden und ein polnisches Korps gegen uns. Der Kampf war lang und hartnäckig; er kostete viel Blut. Wir warfen den Feind dennoch endlich aus seinen Stellungen heraus.

Die Tapferkeit der Truppen unterstützte auf das herrlichste unsere Anordnungen. Wir hatten uns in Bataillonsmassen aufgestellt. Das feindliche Geschütz wütete darin sehr. Unsere Landwehrbataillone taten herrlich. Wenn eine feindliche Kugel 10 bis 15 Mann darniederriß, riefen sie: Es lebe der König! und schlössen sich wieder in den Lücken über die Getöteten zusammen.

Das Schlachtfeld ist mit Toten und Verstümmelten bedeckt, wie selten. Gott Lob! viel mehr Franzosen als der Unsrigen. Indessen ist unser Verlust ebenfalls groß. Das Yorcksche Korps allein hat 6 000 Mann verloren, ohne den Verlust der Russen zu rechnen.

Einige und vierzig Kanonen haben wir abermals erobert, und so viel Pulverwagen, daß wir das, was wir in der Schlacht verschossen, wieder haben ergänzen können.

August war während der Affäre von Wartenburg am 3. dieses sehr böse gewesen, daß ich ihn bei dem Gefolge des Generals zurückgelassen hatte, obgleich er auch dort in der Gefechtlinie war. Ich erlaubte ihm daher mit der Kavallerie der Avantgarde vorzugehen und beim Nachhauen zu sein. Es kam damals zu nichts. Am Vorabend des vorgestrigen Schlachttages bat er mich, bei der Kavallerie sein zu dürfen. Ich tat seinen Willen und sandte ihn zu dem tapferen Obersten v. Katzeler. Dort hat er drei Kavallerieangriffe mitgemacht. Der Oberste will ihn nun zu seinem Regimente haben und ihn zum Offizier machen. In das letztere habe ich nicht gewilligt. Das erstere habe ich in Augusts Wahl gestellt. Noch weiß ich seinen Entschluß nicht.

Gott befohlen! Eine halbe Million Menschen stehen jetzt auf einem engen Raum zusammengedrängt, bereit, sich wechselsweise zu vertilgen. Wenn nicht große Fehler begangen werden, so sind wir Sieger. Durch die Schritte, die unsere Armee getan hat, durch ihre kühnen Bewegungen, durch die Schlachten und Gefechte, die sie gewonnen und durch die Ratschläge, die von unserem Hauptquartier ausgegangen sind, hat selbige zur vorteilhaften Wendung des Krieges so ungemein viel beigetragen. Die Siege der anderen Armeen sind ohne Folgen geblieben, und nur die unsrigen haben auf den Gang der Begebenheiten gewirkt. Die Nachwelt wird erstaunen, wenn dereinst die geheime Geschichte dieses Krieges erscheinen kann.

Umarme die Kinder, und Gott nehme Euch in seinen Schutz.

N. v. Gneisenau

Gestern abermals hatten wir ein sehr schönes Gefecht mit unserer Kavallerie, wo wir dem Feinde Kanonen abnahmen und ihn in die Vorstädte von Leipzig warfen.

Nun fängt der Krieg in dem hiesigen schönen Landflecke zu wüten [an]. Wir kommen zwar in Häuser mit unserm Hauptquartier, haben aber darin fast keine Stühle noch Tische. Alles wird bei den Biwakfeuern verbrannt. Gestern holten die Russen aus dem mit Land- häusern angefüllten Gohlis die kostbarsten Meubles, um sich damit zu wärmen, darunter selbst kostbare Fortepianos.

Quelle:
Privatarchiv EPOCHE NAPOLEON

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