EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

August Neidhardt von Gneisenau an Carl von Clausewitz

vom 28.08.1813.

Goldberg, den 28. August 1813.

Mein teurer Freund.

Wir haben vorgestern eine schöne Schlacht gewonnen; entscheidend, wie die Franzosen noch nie eine verloren haben.

Den 19. d. hatten die Feindseligkeiten mit einem heftigen Gefecht bei Löwenberg begonnen, nachdem bereits der General Sacken mehrere Gefechte der zweiten Ordnung gehabt hatte. Am 21. wollte uns der französische Kaiser bei Löwenberg zu einer allgemeinen Schlacht bringen und uns während derselben über Bunzlau in Flanke und Rücken gehen. Wir wichen aus und zogen, mit unsern Arriergarden stets fechtend, gegen Lauterseifen zurück. Der Feind folgte uns des anderen Nachmittag, aber kraftlos. Dieses gab uns die Vermutung, daß er Truppen aus der Armee vor uns weggezogen habe. Wir gingen bis Goldberg, um unsere rechte Flanke, die noch immer bedrohet war, zu sichern. Am 23. entspann sich bei Goldberg ein sehr heftiges Gefecht, doch abermals nur mit unsern sämtlichen Arriergarden und der Brigade Mecklenburg. Als Graf Langeron in der linken Flanke durch den Verlust des Wolfsbergs genommen war, traten wir unseren Rückzug bis hinter Seichau an. Yorck (der Elende) wich aber in der Nacht bis eine Meile hinter Jauer zurück. Langeron konnte mit Mühe in seiner vortrefflichen Stellung erhalten werden. Am 25. machten wir einen Entwurf, über die Katzbach zu gehen und dem Feind zwischen Liegnitz und Goldberg ins Zentrum zu gehen. Die Disposition war bereits ausgegeben, die preußischen Truppen nebst Sacken im Marsch; das Hauptquartier um 9 Uhr des Morgens schon in Brechtelshof, als Langeron in seiner festen Stellung hinter dem Dorfe Hennersdorf kanoniert wurde. Wir hielten mit dem Marsch inne und wollten die Dinge sich näher entwickeln lassen. Bald kam die Meldung von unsern Vorposten, der Feind rücke an gegen uns.

Schnell machten wir unsere Anstalten. Hinter sanften Höhen verbargen wir unsere Armee und ließen nur unsere Avantgarde auf der weiten Ebene am rechten Ufer der wütenden Neiße. Die Punkte für einige Batterien wurden schnell genommen.

Mittlerweile hatte der Feind den Graf Langeron von Stellung zu Stellung geworfen. Dieser konnte nicht Widerstand tun, indem der Elende sein sämtliches Geschütz, bis auf 30 Sechspfünder, zwei Meilen weit zurückgeschickt hatte, nur um sich nicht zu schlagen, was er fast stets verweigerte. Seine linke Flanke war ihm bereits von Hermsdorf her genommen, und nun wollte der Feind dessen rechte Flanke umgehen, um ihn vollends aus seiner Stellung an der wütenden Neiße zu stürzen, wo das ganze Korps aufgelöst worden wäre. Die Flüchtlinge hätten sich dann bei Jauer, sofern wir dort geblieben wären, auf uns geworfen, und wir waren ohne Rettung verloren. Unser Entwurf zum Angriff und der Umstand, daß wir zeitig marschiert gewesen waren, retteten uns vom Verderben. Wir konnten nun mit Ruhe unsere Dispositionen machen. Der Feind war über die Katzbach herübergekommen und hatte nun das Defilee in seinem Rücken. Er ging nun auf unsere Avantgarde los. Schnell ließen wir drei Brigaden aus ihrem Hinterhalt hervorbrechen und mit dem Bajonett auf den Feind losgehen. Der Regen war unaufhörlich; der Sturm schlug uns ins Gesicht. Die Infanterie zeichnete sich durch hohe Tapferkeit aus. Ein langes unentschiedenes Kavalleriegefecht in einer Linie entspann sich. Wir brachten neue Schwadronen heran. Einige unserer Bataillonsmassen, darunter ein Bataillon Landwehr, vernichteten eine starke feindliche Infanteriemasse. Wir brachten mehr Geschütz vor. Der General Sacken hatte eine Linksschwenkung gemacht; wir preßten den Feind in einen engern Raum. Er ward an den steilen Talrand der wütenden Neiße und der Katzbach mit seinen Rücken angeklemmt, und schlug sich um seine Rückzugsstraße. Seine Reiterei verchwand; wir dirigierten mehr Infanteriemassen gegen eine Linie und eine starke Infanteriemasse, die noch Widerstand tun wollten; und nachdem wir selbige mit einigen Stücken Geschütz kartätscht und mit Tirailleurs geängstigt hatten, ließen wir eine Bataillonsmasse auf sie losgehn und sie vollends den steilen Talrand hinunterstürzen. Alle Kriegsfuhrwerke flohen in der wildesten Flucht und an dem Rand und dem steilen Abhang lag alles in der Unordnung des Schreckens. Die Nacht brach ein; von unserer Kavallerie konnte nur wenig gesammelt werden. Sie setzte nicht nach, weil sie ihr Handwerk nicht mehr versteht.

Der Befehl ward erteilt, daß die Armee um 2 Uhr nachts dem Feinde folgen sollte. Die Befehlshaber konnten zum Teil nicht gefunden werden, andere hatten nicht Lust. Erst des anderen Morgens gegen Mittag ging die Avantgarde über den Fluß und die Brigade Horn folgte. Graf Langeron ward gerettet, indem einige Bataillons von unserer Brigade Steinmetz über die wütende Neiße gingen und den Feind in die linke Flanke nahmen.

Ohngeachtet, daß die Menschen nicht verstehen, einen erfochtenen Sieg zu benutzen, so sind die Resultate des unsrigen dennoch groß, soviel sie bis jetzt bekannt sind. Etwa 60 Kanonen, 200 Pulverwagen und Feldschmieden (letztere allein 8), 6 000-7 000 Gefangene sind die Früchte des Sieges. Was wir auf unserem Marsche von Eichholz hieher gesehen haben an Leichnamen, Kriegsfuhrwerken usw., und was wir über die Unordnung und Zusammensetzung der Arriergarde, die aus allen Flüchtlingen mehrerer Regimenter besteht, gehört haben, beweist uns, daß Macdonalds Armee gänzlich aufgelöst ist. Wir sind gestern durch die angeschwollenen Gewässer bis an die Brust gegangen; wir hoffen, den Feind am Bober zu finden, und diesen Fluß vielleicht so angeschwollen, daß sie nicht sich retten können. Eine Division hat bereits bei Hirschberg nicht über den Fluß kommen können und mußte ihren Weg am unfahrbaren rechten Ufer des Bobers nehmen. Nach einem aufgefangenen Briefe des Divisionsgenerals haben sich drei Viertel derselben bereits in die Wälder verlaufen. Ich lasse die Sturmglocke ziehen, um die Bauern gegen sie aufzubieten.

Der Plan des franz[ösischen] Kaisers war, uns zu schlagen, dadurch einen Eingang in Böhmen zu gewinnen und sodann konzentrisch in dieses Land einzuziehn im Rücken der großen Armee. Wir haben diesen Plan vereitelt und eine große Armee vernichtet. Wir hatten gegen uns das Korps von Ney, jetzt Souham, Macdonald, Lauriston, Bertrand und das Kavalleriekorps von Sebastiani. Was von mir abhängt, soll geschehen, um diese Armee vollends zu vernichten. Der Graf von St. Priest soll von Hirschberg über Greiffenberg, Marklissa gegen die Straße von Lauban nach Dresden vordrücken und Neuperg soll sich dort mit ihm vereinigen.

Diese Schlacht ist der Triumph unserer neugeschaffenen Infanterie. Ich habe keine Traineurs derselben im tiefsten Gewühl der Schlacht gesehen. Alle Bataillons standen auf den hervorspringenden Punkten des Terrains in vollen Vierecken.

Ein Landwehrbataillon v. Thiele ward von feindlicher Reiterei umringt und aufgefordert, sich zu ergeben. Es feuerte; nur ein Gewehr ging los. Dennoch ergaben die Landwehrmänner sich nicht; Nein! Nein! schrien sie, und stießen mit den Bajonetten. Einen Augenblick war unsere Kavallerie geschlagen und schon hatte sie eine halbe Batterie verloren. Alles ward durch Unterstützungen wiedergutgemacht. Die Schlacht hatte das ganze Ansehen einer antiken. Das Feuer während derselben schwieg gegen Ende des Tages ganz, bis wir durch den durchweichten Boden wieder Geschütz herbeirufen konnten. Nur das Geschrei der Streitenden erfüllte die Luft; die blanke Waffe entschied.

Yorck hatte abermals alles für verloren gehalten. Wir sind verloren! schrie er. Jeder will sich Lorbeeren sammeln. Wir gehen zugrunde; der Sieg wurde mir aus der Hand gerissen, und solche Reden mehr. Und dennoch stand unsere ganze Infanterie in schönster Ordnung. Der Marsch von hinter Jauer sollte nicht gemacht werden. Man fatiguiere die Truppen ohne Zweck, hieß es. So mußten wir diesen Sieg erzwingen. Das Glück war uns hold, und die gerechte Sache siegte trotz allen Mißgünstigen.

Empfehlen Sie mich, mein teurer Freund, Ihrer Gemahlin und bleiben Sie gewogen Ihrem überglücklichen Freund

N. v. Gneisenau.

Wie schwierig meine Lage ist, können Sie denken. Blücher will immer vorwärts und hält mich für zu behutsam; Langeron und Yorck zerren mich wieder zurück, und halten mich für einen verwegenen Unbesonnenen. Glück! sei mir ferner hold!

Quelle:
Gneisenau, Neidhardt von: Briefe 1813

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