EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

August Neidhardt von Gneisenau an Werner von Haxthausen

vom 25.08.1813.

Jauer, 25. August 1813.

Endlich ist mir ein freier Augenblick geworden, um Ew. Exzellenz zu sagen, daß wir den Feldzug mit Tätigkeit eröffnet haben und die uns gestellte schwierige Aufgabe: den Feind nicht aus dem Auge zu lassen, ihn stets zu beschäftigen, Gefechte mit ihm einzuleiten, und dennoch einer Schlacht auszuweichen, bis jetzt erfüllt ist.

Den 15. betraten wir das neutrale Gebiet, den 19. fielen die ersten bedeutenden Gefechte vor. Von da an haben wir in 5 Tagen sieben große Gefechte gehabt. Sobald uns Gefahr drohte, in einer unserer Flanken umgangen zu werden, so brachen wir das Gefecht ab. Am 21. wollte uns der Feind zu einer allgemeinen Schlacht bringen (bei Löwenberg), wir brachten aber nur die Avantgarde und einen Teil der Brigade des Prinzen von Mecklenburg ins Feuer. Unsere übrigen Massen, russische und preußische, hielten wir zurück und zogen sie, da der Feind mit Übermacht gegen den bei Bunzlau aufgestellten General Sacken vordrang und selbigen zum Rückzug nötigte, in die Gegend des Gröditz-Berges unverfolgt zurück. Der Feind hatte seinen Zweck verloren. Sechs Armeekorps hatte er an diesem Tage gegen uns versammelt. Den Abend des 22. gingen wir hinter die Katzbach eine Meile weit zurück. Goldberg behielten wir besetzt. Für den 23. hatten wir bereits die Disposition zum Angriff des Feindes entworfen. Wir wollten den bei Goldberg vorgedrungenen Feind umfassen. Eben im Begriff dies auszuführen, griff der Feind selbst uns bei Goldberg an, während er 50 000 gegen Liegnitz gehen ließ. Unsere Bestimmung machte uns Behutsamkeit zum Gesetz. Die russische und preußische Arrieregarde und abermals die Brigade von Mecklenburg allein kamen zum Gefecht. Der Rest wurde außer dem Feuer gehalten. Der Prinz von Mecklenburg zeichnete sich hiebei durch hohen Mut aus. Er nahm selbst eine Fahne in die Hand und setzte sich damit an die Spitze seiner weichenden Bataillone und behauptete sich in seiner Stellung. Die preußische Kavallerie hatte hiebei ein überaus glänzendes Gefecht mit der feindlichen Reiterei, die der unsrigen vielfach überlegen war und soeben zwei von unsren Bataillonen niedergeworfen hatte. Die russischen Generale sprechen mit Bewunderung von diesem Gefecht.

Am Abend dieses Tages gingen wir mit unsern Massen in die Stellungen von Seichau und Profen zurück, die fernere Entwicklung der Begebenheiten erwartend.

Gestern erhielten wir die Nachricht, daß der Feind Liegnitz und die Gegend daherum wieder verlassen und seinen Rückzug nach Haynau genommen hat. 7 000 Mann Kavallerie sind ihm sogleich nachgesetzt, und heute, sowie genauere Nachrichten von unsren Vorposten einkommen, soll die ganze Armee ihm folgen. Goldberg und dasige durchschnittene Gegend hält er noch besetzt.

Setzt der Feind seinen Rückzug nach Sachsen fort, so ist es offenbar, daß er gegen uns seinen Zweck verloren hat. Er hat uns mit seiner Übermacht zu keiner Schlacht bringen können und die teilweisen Angriffe haben ihm viel Blut gekostet. Selbst unser Verlust ist nicht gering. Sein Rückzug kann ihm noch viel kosten. An Tätigkeit bei uns, Nutzen davon zu ziehen, soll es nicht mangeln.

Erlauben Ew. Exzellenz mir nun die ausgezeichneten russischen Generale zu nennen, damit Sie davon gegen seine Majestät den Kaiser erwähnen können.

Allen steht voran der General Sacken, Befehlshaber eines kleinen Armeekorps. Es ist nicht möglich, tätiger, pünktlicher, einsichtsvoller und entschlossener zu sein als er es ist. Immer führt er mit Präzision die ihm vorgeschriebenen Bewegungen aus, und wo ihm Befehle nicht zukommen können, da tut er immer sogleich das zweckmäßigste. Das ist der Mann, der an die Spitze einer Armee gesetzt werden muß. Wir im Hauptquartier, die ihn durch seine Anordnungen näher haben kennenlernen, sprechen nur mit Bewunderung von ihm.

Der zweite ist der General Rudjewitsch. Bei Zobten unweit Löwenberg war er, abgeschnitten durch feindliche Übermacht, in einer so gefährlichen Lage, daß tausend andere Generale verzweifelt hätten. Mit hohem Mut und Besonnenheit ordnet er seine Truppen, weist alle Angriffe des Feindes ab und begibt sich geschlossen, unangetastet und langsam auf das diesseitige Boberufer zurück.

Der dritte ist der General Graf Witt. Die seltenste Tätigkeit, der vortrefflichste Wille und eine Fülle mili- ärischer Einsichten zeichnen diesen General aus und sein Mut führt ihn immer dahin, wo Gefahr ist.

Mehrere russische Generale sind gewiß bei der hiesigen Armee vorhanden, die ausgezeichnet durch Talente und Mut sind, aber noch kenne ich sie nicht hinreichend, um sie näher zu bezeichnen.

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