EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

August Neidhardt Von Gneisenau an Johann Albrecht Freidrich von Eichhorn

vom 19.03.1813.

Liegnitz, 19. März 1813.

Mein teurer Freund! Es ist eine große herzerhebende Zeit. Ich habe Eckardt, Jahn, Friesen, Jahnke usw. in ihrer Militärkleidung gesehen! Es wird mir schwer, mich der Tränen zu enthalten, wenn ich all diesen Edelmut, diesen hohen teutschen Sinn gewahr werde. Ihr Berliner entbehrt das begeisternde Schauspiel, die Jugend Eurer edleren und höheren Stände in Bataillone und Kompanien eingereiht, und, ihrer frühern Verhältnisse vergessend, die Befehle ihrer Offiziere aufmerksam vernehmend zu sehen. Öfters führte mich mein Weg durch eine Straße, wo diese edlen Jünglinge sich versammelten. Welches Hochgefühl ergriff mich da, wenn ich dies schöne Schauspiel gewahr wurde. Welches Glück, solange gelebt zu haben, bis diese weltgeschichtliche Zeit eintrat. Nun mag man gern sterben, wir hinterlassen unsern Nachkommen die Unabhängigkeit.

Vorderhand bin ich beim Blücherschen Armeekorps als zweiter Generalquartiermeister angestellt. Scharnhorst ist bereits jetzt schon abwesend und wird es künftig noch öfters sein, und da besorge ich dessen Geschäfte. Späterhin soll ich das Armeekorps befehligen, das unter die Befehle des Kronprinzen von Schweden gestellt werden und sich mit Russen und Engländern vereinigen wird. Durch meine Verhältnisse zum Kronprinzen von Schweden, dem Regenten von England, den britischen Ministern, dem Grafen Wallmoden und den vornehmen Schweden bin ich so ziemlich für diese Bestimmung geigenschaftet; weniger durch meine Talente; guter Wille und Beharrlichkeit tun indessen auch viel, und dann ist der Geist unter den Truppen so gut, daß er nur mittelmäßiger Anführung bedarf. Wir haben die moralische Überlegenheit, und unsere Feinde haben das Zutrauen zu sich und ihren Führern verloren; auch haben diese in der letzten Zeit gezeigt, daß die Besonnenheit zugleich mit dem Glück sie verlassen könne.

Wir ziehen nun wohlgemut nach Sachsen. Mannszucht wollen wir halten. Können wir das Land samt dessen Regenten gewinnen, wohl! Verleugnet uns der letztere, so werden wir ersteres für uns organisieren.

Aus Schweden sind gute Nachrichten da. Die Landung soll nächstens vor sich gehen. Auch hat der Kronprinz seinen Projekten auf Norwegen entsagt. Dänemark hat einen Gesandten nach London geschickt und erbietet sich, mit uns zu ziehen. Auch aus Wien sind vortreffliche Nachrichten da.

Senden Sie mir doch gütigst folgende Bücher:

  1. Über die Geschäfte des Generalstabs vom dänischen General Binzer.
  2. Das preußische Infanterie-Exerzier-Reglement.

Sie werden wohl vernehmen, wo das Blüchersche Korps stehet, nach dessen Hauptquartier Sie diese Bücher richten wollen.

Geschäfte nötigen mich zu schließen. Gott erhalte Sie. Tausend Grüße an Freunde.

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