EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Aufruf General Barclay de Tollys an die Deutschen in russische Kriegsdienste zu treten

vom 19.03.1813.

Deutsche, warum bekriegt ihr Rußland, dringt über seine Gränzen, behandelt feindlich seine Völker, die seit mehreren Menschenaltern mit Euch in freundlichen Verhältnissen standen, Tausende Euerer Landsleute in ihre Mitte aufnahmen, ihren Talenten Belohnung, ihrem Erwerbfleiß Beschäftigung anwiesen? Was verleitet Euch zu diesem ungerechten Angriff? Er kann nur verderblich für Euch sein und wird sich mit dem Tode von Hunderttaufenden, oder mit Euerer gänzlichen Unterjochung endigen.

Doch dieser Angriff ist nicht die Folge Eueres freien, selbstgefaßten Entschlusses. - Euer gesunder Verstand, Euer Gefühl für Redlichkeit verbürgt mir dies. - Ihr seid die unglücklichen Werkzeuge der fremden Herrschsucht, die unablässig trachtet, die Unterjochung des unglücklichen Europa zu vollenden.

Deutsche, unglückliche schmachvolle Werkzeuge zur Erreichung ehrgeiziger Zwecke, ermannet, erhebet Euch! Bedenket, daß Ihr seit Jahrhunderten in der Geschichte die Stelle eines großen, in den Künsten des Kriegs und des Friedens herrlichen Volkes einnehmet; lernet aus dem Beispiel der Spanier und Portugiesen, daß der feste kräftige Wille eines Volkes den Angriff und die Unterdrückung der Fremden zu vereiteln vermag. Ihr seid unterdrückt, aber noch nicht erniedrigt und entartet. Vergaßen gleich Viele aus Eueren obern Ständen ihre Pflichten gegen das Vaterland, so ist doch die große Mehrheit Eueres Volkes bieder, tapfer, des Drucks der Fremdlinge überdrüssig, Gott und dem Vaterlande treu.

Ihr, welche der Eroberer gegen die Glänzen Rußlands getrieben, verlasset also die Fahnen der Knechtschafe, sammelt Euch unter die Fahnen des Vaterlandes, der Freiheit, der Volksehre, die unter dem Schutze Sr. Maj. des Kaisers, meines allergnädigsten Herrn, errichtet werden. Er verspricht Euch den Beistand aller tapfern russischen Männer aus einer Volksmenge von 50 Millionen seiner Unterthanen, die den Kampf für Unabhängigkeit und Volksehre bis auf den letzten Athemzug zu bestehen entschlossen sind.

Des Kaisers Alexander Majestät hat mir den Auftrag zu ertheilen geruht, allen auswandernden braven deutschen Officieren und Soldaten die Anstellung in der deutschen Legion anzubieten.

Sie wird befehligt werden von einem Fürsten Deutschlands, der seine Anhänglichkeit an der Sache des Vaterlandes durch Thaten und Aufopferungen bewährt hat, und die Wiedereroberung der Freiheit Deutschlands ist ihre erste Bestimmung.

Wird der große Zweck erreicht, so ertheilt das dankbare Vaterland glänzende Belohnungen seinen treuen heldenmüthigen Söhnen, die es von seinem Untergange »retteten.

Ist der Erfolg nicht ganz glücklich, so versichert hiedurch mein allergnädigster Kaiser diesen braven Männern Wohnsitze und eine Freistätte unter dem schönen Himmelsstrich des südlichen Rußlands.

Deutsche, wählet! Folgt dem Rufe des Vaterlandes und der Ehre, und genießet die Belohnungen Eueres Muthes und Euerer Aufopferungen, - oder beuget Euch ferner unter das Joch der Unterdrücker, das auf
Euch lastet; und Ihr werdet untergehen in Schande, Elend und Erniedrigung, als der Spott des Auslandes, der Fluch Euerer Nachkommen.

Auf Allerhöchsten Befehl Sr. Kaiserl. Maj.
des Kaisers von Rußland,
der Oberbefehlshaber des rufsischen Heers,
Barklay de Tolly.

Quelle:
Francke, H.: Mecklenburgs Noth und Kampf vor und in dem Befreiungskriege, 1835

Letzte Änderung der Seite: 27. 03. 2017 - 22:03