EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Der Generaldirektor der Hamburger Polizei an den französischen Polizeiminister

vom 13.02.1813.

Hamburg, den 17. Februar 1813

Monseigneur, ich habe mit dem Brief, mit dem Eure Exzellenz mich am 6. Februar beehrt hat, verschiedene Aktenstücke bezüglich der Existenz von in Deutschland verbreiteten Geheimbünden erhalten, für die Sie eine strenge, eindeutige und regelmäßige Überwachung vorschreiben.

Diese Angelegenheit, Monseigneur, hat meine Aufmerksamkeit oft in Anspruch genommen, und ich habe mich ihr noch kurz vor meiner Abreise nach Paris ganz besonders gewidmet, jedoch weder aus Kassel noch aus Erfurt, von wo ich äußerst verschwommene Hinweise erhalten hatte, habe ich Auskünfte bekommen, die zu ihrer Aufklärung dienlich wären. Da alles, was bis zum heutigen Tag gesagt, geschrieben oder getan worden ist, ohne Ergebnis blieb, denke ich, dass man einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen und die Erforschung dieser Gesellschaften in Angriff nehmen müsste, als hätte man sich noch nie damit beschäftigt. Die Befehle und Instruktionen Eurer Exzellenz enthalten die Anweisungen, die ich allen Agenten Eures Ministeriums im Norden gegeben habe, und sie informieren und über die Verbindungen, die ich erneut mit allen ausländischen Polizeibehörden aufnehmen soll, mich auf die Anweisungen stützend, die ich erhalten habe. Nachdem alles für den Erfolg Eurer Absichten bereit ist, bitte ich Euch, mir einige Betrachtungen zu gestatten, die der Angelegenheit die ihr angemessene Aufmerksamkeit widmen werden.

Der Orden oder die Vereinigung der Tugendfreunde ist tatsächlich in Preußen entstanden. Der Minister vom Stein, der ehemalige Polizeidirektor von Berlin Grunert, der in Prag festgesetzt worden ist, der Graf von Chazot, ein Adjutant des Königs (der gerade im Sterben liegt) und der Verräter von Yorck waren seine herausragenden Anhänger. Das Ziel dieses Ordens bestand hauptsächlich in der nationalen Vereinigung aller deutschsprachigen Völker, um, wie man sagt, der Macht Frankreichs Paroli bieten zu können. Dieses bekanntgewordene Vorhaben konnte zahlreiche Anhänger unter den deutschen Wissenschaftlern und Studenten gewinnen, aber es musste auf Opposition beim Handel und in der Landwirtschaft stoßen, und besonders bei denjenigen, die zu der großen Zahl der souveränen Häuser Deutschlands zählen. Die Antipathie der deutschen Völker gegeneinander, auch solche, die benachbart sind, bildete ein unüberwindliches Hindernis, gegen das die Tugendfreunde vergeblich agitierten. Dies hat sich bald nach dem Bekanntwerden ihrer Ideen gezeigt, die nur an den Universitäten und bei einigen Wissenschaftlern Sympathie gefunden haben; überall sonst sind sie auf Ablehnung gestoßen.

Nichts dergleichen gab es, als das Direktorium die Gleichheit proklamierte und über die republikanischen Verfassungen nachdenkend voranschritt. Damals gingen die Völker, ohne Rücksicht auf frühere Benennungen oder territoriale Verhältnisse, den neuen Ideen entgegen.

Einer in Deutschland häufig anzutreffenden Meinung zufolge, hat man in den Jahren 1797, 1798 und 1799 die Freiheit fast in den Händen gehalten. Es ist keineswegs selten, besonders in Frankfurt am Main, von aufgeklärten Menschen zu hören, da5 sie einen Augenblick geglaubt haben, dass Deutschland nunmehr eine Republik bilden würde. Diese Feinheit, Monseigneur, verdient es festgehalten zu werden. Sie spricht gegen die Tugendfreunde oder andere Vereinigungen, die den Grundsatz vertreten, da5 alles, was die deutsche Sprache spricht, sich zu einer Nation zusammenschließen sollte. In dem Maße, wie sich die Doktrin des Direktoriums als erfolgreich erwies, sind die Sektierer dieser Zeit davon entfernt, mit ihren Plänen Erfolg zu haben.

Diese Wahrheit wird jedoch von den Beteiligten keineswegs anerkannt; es besteht kein Zweifel, dass sie an strafbaren Projekten festhalten und daran arbeiten, ihre Maximen zu verbreiten. Es ist also notwendig, sie zu überwachen und sie zu überraschen.

Aber man darf ihnen bei weitem nicht die Bedeutung zumessen, die sie sogar dadurch erlangt zu haben scheinen, dass man wenig über sie wusste. Diese Bedeutung besteht in Wirklichkeit nur im Kopf der Polizeiagenten von Erfurt und vor allem in den Köpfen derer aus Westfalen. Um sie zurückzusetzen, genügt es, sich dasjenige anzuschauen, was vier Jahre an Wachsamkeit, Festnahmen, bei den Postanstalten gelesene oder abgefangene Briefe und auf vielerlei Art beschäftigte Agenten herausgefunden haben. Eine wenig ergiebige Namensliste, eine vage und irrige Notiz über die Sekte der Mährischen Brüder und eine geheime Schrift; kein Stück, so wenig bedeutend es sei, hat das Vorhandensein umstürzlerischer Pläne beweisen können. Als General Bongars und der Intendant von Erfurt mir diese Liste übersandten, ließ ich sie deren Unbrauchbarkeit spüren, solange, wie nicht Initialen und die Angabe des Berufsstandes, des Geburtsortes und Wohnortes beweisen würden, dass diese Namensliste nicht willkürlich aufgestellt worden sei. In der Tat könnte ich in acht Tagen ein Dutzend von Personen für jeden Namen in dieser Aufstellung festnehmen lassen, so groß ist die Ähnlichkeit in Deutschland, wenn zwischen den Initialen und dem Berufsstand nicht differenziert wird. Weder M. de Bongars noch M. Devismes haben andere Erklärungen geben können, als die, dass ihre Agenten ihnen diese Aufstellung geliefert hätten, mit allen anderen Notizen, mit denen die Polizei aus Westfalen mich überschüttet hat, ohne dass ich jemals in dieser Flut eine genaue Vorstellung oder eine zutreffende Auskunft bemerkt hätte. 1811 habe ich dem Ministerium die Abschriften aller Notizen zusenden lassen, die der General Bongars mir insgeheim über die Korrespondenz der Gendarmerie schickte. Mit dem, was ich ihm eines Tages schrieb, dass ich nämlich in all diesen Rapporten, die man ihm schickte, nur Worte sähe, ist die Flut fast gänzlich versiegt.

Das, was mir an Brauchbarem geschickt wurde, beschränkt sich auf einige Exemplare einer Broschüre über den Aufbau der Geheimgesellschaft, hinter denen sich die mit Bleistift geschriebene Rede befindet, die ich gerade habe übersetzen lassen, und von der ich eine Abschrift hier beifüge. Es scheint, dass dies das Werk irgendeines Träumers ist. Ein Hausierer hat angegeben, sie in Hamburg bei einem Straßenhändler gekauft zu haben. Das ist sehr wahrscheinlich. Diese Rede hat den Anschein, das Gegenstück zum Orden des Tugendbundes zu sein. Während er diesem die Absicht unterstellt, Frankreich durch seine geheimen Machenschaften zu bekämpfen, beschuldigt der Mann der Bleistiftnotiz Frankreich, eine geheime Sekte zu beherbergen, die der Urheber aller Kriege sei, die sie in Spanien und Deutschland unternommen habe. Der Autor irrtsich sicherlich ganz und gar, während die Absicht des Tugendfreundes sehr wohl bewiesen ist. Aber können sie irgendeinen Erfolg erhoffen? Gewiss nicht durch sich selbst, ich habe es bereits gesagt, solange wie sie ihre kollektiven Projekte auf Deutschland als Ganzes richten; aber wohl, wenn es sich nur darum handelt, die Völker aufzuwiegeln und sie zur Unzufriedenheit zu bringen. Diese Aufgabe ist keineswegs schwierig, und es ist leider nicht erforderlich, Mitglied dieses Ordens zu sein, um diese Absicht zu haben und ihr mit Eifer zu folgen.

Was die Mährischen Brüder angeht, so ist die Wichtigkeit, der auf sie beziehenden Notiz, nicht weniger irrig. Diese Sekte mag wohl, wie die Quäker und andere, nach der durch ihre Institution und ihre Erziehung vorgeschriebenen Gleichheit streben, aber nichts beweist, daß sie in diesem Moment wie in anderen eifriger seien, Neuanhänger zu gewinnen und ihre Doktrin zu verbreiten.

Es gibt einige Mähren in Hamburg: Es sind in der Mehrzahl armselige Handwerker, die allein mit ihrer Arbeit beschäftigt sind, wenn es nicht zu den Stunden ihrer Gebete ist. Man kennt einige ihrer religiösen Führer, bei denen aber dieselbe Gleichgültigkeit zu beobachten ist.

Ich habe es als notwendig angesehen, diese Einzelheiten Eurer Exzellenz zu unterbreiten, in der Absicht, durchblicken zu lassen, dass die Polizei von Erfurt und Westfalen, die letztere vor allem, sich über die Bedeutung dieser Orden oder Sekten hat irreführen lassen, indem sie die tatsächliche Existenz dessen vermutete, wonach sie fahndet.

Nichtsdestoweniger werde ich allen Spuren folgen, die sie mir zu geben beliebten; aber ich werde den Klippen, an denen die Polizei gescheitert ist, ausweichen, indem ich diesen Orden nicht immer all das beimesse, was leider nur das Ergebnis der allgemeinen Unzufriedenheit, der von ihrem Willen und ihrer Mithilfe unabhängigen Unruhe ist. Es wäre eine glückliche Fügung, wenn alles dem Tugendfreund zugeschrieben werden könnte. Man würde nur einen schwachen Feind zu bekämpfen haben und man könnte ihn aufdecken und sichere und individuelle Schläge austeilen. Es ist aber andererseits unheilvoll, dass fast die gesamte Bevölkerung darauf aus ist, sich von Frankreich zu lösen und seinen Einfluss abzuschütteln.

Quelle:
Privatarchiv EPOCHE NAPOLEON

Letzte Änderung der Seite: 27. 03. 2017 - 22:03