EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Johann David Ludwig von Yorck an Friedrich Wilhelm III.

vom 01.01.1813.

Ew. Königlichen Majestät melde ich alleruntertänigst, dass ich nun in weitere Ausführungen der abgeschlossenen Konvention mit dem Grafen von Wittgenstein mit dem ganzen Korps bis auf das Füsilierbataillon von Bartka was schon früher mit der großen Bagage über Memel und die kurische Nehrung gezogen war, in und um Tilsit die Kantonierungsquartiere bezogen habe. Die 6 Bataillons Infanterie, 6 Eskadrons Kavallerie und 2 reitende Batterien, so unter dem Generalleutnant von Massenbach mit dem Marschall MacDonald vereint waren, sind alle zum Korps gestoßen. Diese Vereinigung ist mit einer Klugheit eingeleitet und ausgeführt, wie die Geschichte kein Beispiel dieser Art hat. Der Rittmeister Graf von Brandenburg wird Ew. Majestät das Detail davon mündlich machen. Der Generalleutnant von Massenbach hat sich so weise und bestimmt dabei benommen, dass er die höchste Achtung verdient.

Der Schritt, den ich getan, ist ohne Befehl Ew. Majestät geschehen. Die Umstände und wichtigen Rücksichten müssen ihn aber für die Mit- und Nachwelt rechtfertigen, selbst dann, wenn die Politik erheischt, dass meine Person verurteilt werden muss. In der Lage, wo sich das Korps befand, war es mit mathematischer Gewissheit zu berechnen, dass es durch Gewaltmärsche und verzweiflungsvolles Schlagen wo nicht gänzlich vernichtet, doch aufgelöst an der Weichsel ankommen musste. Der Rückzug des Marschalls, der eine gänzliche Flucht war, die letzten Gefechte, so die französischen Generäle angeordnet, bestätigen das Gesagte und zeigen deutlich, was zu erwarten stand. In dieser Alternative blieb mir nur der Weg offen, den ich eingeschlagen.

Auf vaterländischen Boden hätten Ew. Majestät Untertanen ihr Blut für die Rettung der Banden, die das Vaterland als Feinde und als Verbündete verwüstet haben, vergeuden sollen, um dann noch ohnmächtiger die Fesseln eines bis zum Wahnsinn exaltierten Eroberers tragen zu müssen. Solange Napoleon noch eine Kraft in Deutschland hat, ist die erhabene Dynastie Ew. Königlichen Majestät gefährdet; sein Haß gegen Preussen kann und wird nie erlöschen. Die aufgefangenen Briefe von Napoleon an Bassano werden Ew. Majestät zeigen, was von diesen Alliierten zu erwarten war. Wäre die französische Armee nur noch so stark, dass sie bei einer Negotiation das kleinste Gewicht in die Wagschale werfen könnte, die Staaten Ew. Majestät würden das Lösungspfand zum Frieden werden.

Das Schicksal will es anders. Ew. Königlichen Majestät Monarchie, obgleich beengter als im Jahre 1805, ist es jetzt vorbehalten, der Erlöser und Beschützer Ihres und aller deutschen Völker zu werden. Es liegt zu klar am Tage, dass die Hand der Vorsehung das große Werk leitet. -  Der Zeitpunkt muss aber schnell genutzt werden. Jetzt oder nie ist der Moment, Freiheit, Unabhängigkeit und Größe wieder zu erlangen, ohne zu große und blutige Opfer bringen zu müssen. In dem Ausspruch Ew. Majestät liegt das Schicksal der Welt. Die Negotiations, so Ew. Majestät Weisheit vielleicht schon angeknüpft, werden mehr Kraft erhalten, wenn Ew. Majestät einen kraftvollen und entscheidenden Schritt tun. Der Furchtsame will ein Beispiel, und Österreich wird dem Wege folgen, den Ew. Majestät bahnen.

Ew. Königliche Majestät kennen mich als einen ruhigen, kalten, sich in die Politik nicht mischenden Mann. Solange alles im gewöhnlichen Gange ging, musste jeder treue Diener den Zeitumständen folgen; das war seine Pflicht. Die Zeitumstände aber haben ein ganz anderes Verhältnis herbeigeführt, und es ist ebenfalls Pflicht, diese nie wiederkehrenden Verhältnisse zu benutzen. Ich spreche hier die Sprache eines alten treuen Dieners; und diese Sprache ist die fast allgemeine der Nation. Der Ausspruch Ew. Majestät wird alles neu beleben und enthustsmieren; wir werden uns wie alte echte Preussen schlagen und der Thron wird für die Zukunft felsenfest und unerschütterlich dastehen.

Ich erwarte nun sehnsuchtsvoll den Ausspruch Ew. Majestät, ob ich gegen den wirklichen Feind rücken oder ob die politischen Verhältnisse erheischen, dass Ew. Majestät mich verurteilen. Beides werde ich mit treuer Hingebung erwarten, und ich schwöre Ew. Königlichen Majestät, dass ich auf dem Sandhaufen ebenso ruhig, wie auf dem Schlachtfelde, auf dem ich grau geworden bin, die Kugel erwarten werde. Ich bitte daher Ew. Majestät um die Gnade, bei dem Urteil, das gefällt werden muss, auf meine Person keine Rücksicht nehmen zu lassen. Auf welche Art ich sterbe, ich sterbe immer wie

Ew. Majestät
alleruntertänigster und getreuer Untertan

Yorck

Quelle:
Lange, Fritz (Hg): Das neue Deutschland 1813/14, Berlin 1953

Letzte Änderung der Seite: 27. 03. 2017 - 22:03