EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Staatsrat Johann von Müller beim Schlusse der reichsständischen Versammlung des Königreichs Westphalen

vom 30.08.1808.

Meine Herren Reichsstände!

Der König hat mir den Auftrag ertheilt, Ihrer hochachtbaren Versammlung das Ende der Arbeiten anzukündigen, für welche dieselbe versammelt war.

Meine Herrn, Provinzen, elche ursprünglich nie eines Volkes Vaterland, hierauf in dem Versammlungen teutscher Nation in die Menge der Stämme verlohren, endlich unter vieler Fürsten Landeshoheit abermals vereinzelt waren, haben – seit Menschen Gedenken zum erstenmal – durch Stellvertreter vor dem Thron eines gemeinsamen Herrn über allgemeine Angelegenheiten sich verdammelt, und Maaßregeln genommen, welche den Begriff Eines Vaterlandes, einen Gemeinsinn, theils voraussetzen, theils erwecken.

Das Alte ist vorüber; laßt uns den Blick auf die Gegenwart heften, um in ihr die Keime der Zukunft zu entwickeln.

Die ältesten, größten, ruhmvollsten und – insofern dieses von menschlicher Art sich sagen läßt – auch die besten Völker haben mancherley Zeitläufe erlebt. Hier hab der Schwumg eines Mannes von Genie seine Nation zu der Höhe seiner eigenen rolle. Lange Zeit und Selbstvergessenheit – der trägen Sterblichen gewöhnliches Uebel – stürzten unversehens anderer Völker Glück und Ehre in einen rettungslosen Abgrund. Völker nun, die sich dem Unglück überließen, giengen unter; andere, welche aus Erkenntniß der Fehler Lehre zogen, wurden, durch eine moralische Wiedergeburt, neuer Zeiten wiederkehrender Glorie und Glückseligkeit würdig.

Eben so verschieden waren die Eroberer. Einige haben zerstört, andere haben die Unterjochten verweichlicht, andere durch Trennungen sie geschwächt: aber die besten haben sie vortheilhaft umgestaltet: solche sind es, welche durch verehrendes Andenken ihrer Wohlthaten im Alterthum aus Königen Götter geworden.

Der, vor dem die Welt schweigt, weil Gott die Welt in seine Hände gegeben, erkannte in Germanien die Vorwache und Brustwehr von Süd und West, von den erstenHauptsitzen der Kultur Europens. Also, für gemeine Politik zu erhaben, gab er Deutschland Festigkeit, gab ihm sein Gesetzbuch, das Muster seiner Waffen, die größten Lehren und statt gedemüthigter Soldaten, achtvolle, geehrte Bürger.

Aus zwanzig Ländern schuf er Ein Reich. Konnte er mehr thun? Er setzte darüber seinen Bruder. Sie hörten den König, meine Herren; Sie haben seine Handlungsweise gesehen; seine Verordnungen, seine Vorsichtsmaaßregeln zählen Sie nach den Tagen seiner Regierung.

Im Anfange ihrer Sitzungen ließ der König durch den Minister des Innern Ihnen die Lae des Reichs darstellen. Es ist kein Zweig der Verwaltung, es ist kein Fach der Geschäfte, deren Natur und Grundregeln nicht klar und bestimmt vorgelegt worden wären.

Der König, der die Interessen der Krone von dem Besten seines Volks nie trennt, Verstellung und Hinterlist verschmäht und haßt, und, stolz auf sein Bewußtseyn, Offenheit nicht scheut, der König hat nicht wollen, daß den Stellvertretern seines Volks etwas verborgen werde. Von allem, wie es ist, und von dem Geist des Ganzen, sollten sie genaue Notiz in die Länder heimbringen; Sie sind auch nicht zu Entschließungen über halb gesagte Dinge aufgefordert worden: die Wahl der Nation wurde in Ihnen geehrt, man hat Ihnen völliges Vertrauen geschenkt.

Sie haben es verdient. Diese erste Versammlung des Reichstags der Westphalen öffnet eine ermunternde Aussicht fortgehender Vervollkommunug es Nationalglücks und der öffentlichen Ordnung; die Vereinigung der Einsichten und der höchsten Macht zu Herstellung und Fröderung des Glücks aller Theile verbürgt diese Erwartung. So wie nicht ein gemeinnütziger Wunsch, oder Vorschlag ist, welchen der König nicht höre, überlege und nach Zeit und Ort in Vollziehung zu bringen suche, nicht weniger erwartet er von seinen Ständen und von ihren Kommittenten die eifrige Bewirkung, zu der das Haupt des großen Vereins in allen Unternehmungen für das öffentliche Wohl berechtigt ist.

Sie haben, meine Herren, ohne Bedenken von dem verfassungsmäßigen Recht, Gesetz-Entwürfe auch zu verwerfen, Gebrauch gemacht. Wenn dieses ein Gestz betroffen, das vor andern unentbehrlich war, so gab der König seine Ehrfurcht für Stimmenfreiheit in dem zu erkennen, daß er bei nochmaligem Vortrag des Entwurf, kein anderes Ansehen brauchte als die Kraft guter Gründe und Erläuterungen, welche Ihnen, meine Herren, erlaubt haben, dem patriotischen Triebe Ihrer Gemüther die jede nöthigen Maaßregeln zu unterstützen, frey zu folgen. In der That, meine Herren, Sie sind nicht Stellvertreter eines Theils von Hessen, eines Theils von Hannöverschen, von Preussischen Landen. Der Augenblick, wo jeder die Geduld von allen, und seinen Beitrag zu ihrer Zahlung, übernahm, bewieß zuerst und kräftig, daß Sie sich Westphalen fühlten, eine Nation, die von diesemTage an, durch unzählbare Geschlechter hinaus, einerley Schicksale theilen wird; wo in der Fruchtbarkeit eines, in dem Fleiß eines andern Bezirks in der freien Gemeinschaft aller Wasser und Landstraßen, in der Einförmigkeit einer milden Gesetzgebung unerschöpfliche Hülfsmittel sich finden werden, um jedes Andenken erlittener Uebel zu vertilgen.

Die Geduld ist fundirt, ihre Zinke sind gesichert, ihre Tildung ist festgesetzt und in Ordnung. Einige Jahre noch bedarf der öffentliche Schatz eine strenge Wirthschaftlichkeit; einige Jahre noch hat jeder Westphale ein, doch mäßiges Opfer zu bringen. Dann folgen freiere Jahre; der König wird sich seinem Hang zur Wohlthätigkeit überlassen können, der Nation wird bei neuen Wohlstand von überwundenen Schwierigkeiten das frohe Andenken bleiben, sie wird um so besser leben, um so freudiger unternehmen.

In dem Augenblick, wo in der Versammlung Europäischer Nationen die Westphälische ihren Rang und Sitz bekommt, >hat sie erklärt: man habe keines ihrer Glieder, als von Unglück erdrückt zu betrachten; eines jeden Gut und Blut sey für alle<.

Glückliches Volk! Tage des Ruhms eröffnen sich Dir, wenn alter Redlichkeit Sohn der Geist gemeinsamen Vaterlandes, nach diesem plötzlichen und hohen Schwung in allen Gemüthern auf immer vorherrshend wird. Ein König, Ein Gesetz, Ein Schatz und Eine Schuld, und, um nicht auch der gemeinsamen Abstammung und Schicksale zu erwähnen, Ein Interesse – welche Elemente zu einem Gemeingeiste!

Zwie große in die Augen fallende Beförderungsmittel sind in der Verfassung. Indem für jedes Bedürfniß nicht Eine Klasse, sondern die Anstrengung aller Bürger in Anspruch genommen wird, erhofft sie ein gemeines Wese. So indem jeder, bald um eine Wahl, bald um eine Stellvertretung oder zur Ausfüllung der Militairverzeichnisse oder – da alle Stellen für alle sind – in das Amt eines Friedensrichters, eines Geschworenen aufgerufen wird, erwacht bei Völkern, deren Verstand seit langem nicht mehr für das gemeine Wesen thätig war, ein neues Leben.

Das Sonderbare haben die mitternächtlichen Völker, zumal von germanischem Stamme: So oft in Gottes Rath beschlossen war, ihnen eine neue Art oder einen höhern Grad von Kultur beizubringen, so mußte ein Stoß von Außen kommen: bei allen diesen Völkern wurde das, dermaßen erworbene, ungemein verollkommet. Gleich als bedürfte die natürliche Ruhe der Völker, bei welchen eine minder freigebige Natur des Erdreiches und Himmelsstrichs weniger Bedürfnisse und Begierden und eine nicht so vielseitige Gährung der Begriffe erregt, und welche nicht sowohl jenen Glanz mitröglicher Phantasie als eine achtungswerthe Gründlichkeit des Urtheils haben, gewisse von Zeit zu Zeit aufweckend Erschütterungen. Das Herkommmen schläfert ein. Sobald einmal die neuen Begriffe verstanden, aufgenommen, und in den alten Vorrath übergegangen sind, gewinnen sie eine andere Gestalt, eine neue Haltung von Entwicklung; sie generalisiren sich. Wir haben aus Italien und Frankreich die Religion; aber was zur Reform der Hierarchie nun ausgeführt wird, hat in Teutschland begonnen. Die Nachahmung lombardischer und anderer italienischer Städte trug viel bei, die Einrichtung des bürgerlichen Lebens bei uns zu entwickeln. Aber jenseits dem Alpgebürg dauerte selten ein Städtebund über ein Geschlechteralter hinaus. Wir seit jenem ältesten Rheinbund hatten sechsthalbhundert Jahre (die Schweiz und Hanse nicht zu erwähnen) hundert freie Reichsstädte. Allerdings die germanischen Wälder und Sümpfe sind durch südliche Vorbilder zu Sitzen der Künste und Gewerbe geworden; doch schon im vierzehnten Jahrhundert wurde die Arbeit unserer Gewerbe in Toscana als vorzüglich gesucht. Es ist wahr, Italien gab das bürgerliche, gab das geistliche Recht; und es ist nicht zu läugnen, daß der Geist unserer Gelehrten sich an dem Licht entzündete, das die vergessenen griechischen und römischen Mußen an der Tiber und am Arno wieder aufsteckten. Aber das ausländische Gesetz wurde durch altdeutschen Verstand genießbarer: Verfassungen erhaben sich im Nord, wie sie Rom nie gehabt, wie der leidenschaftliche Grieche sie nie lang ertrug; die verpflanzten Wissenschaften, bald Gegenstände nationeller Verehrung und Liebe, wurden durch Erfindungen, Lehrweisen und höhern Schwung einheimisch.

So meine Herren, wenn die Verfassung und Gesetzgebung des Königsreichs Westphalen, die sich über die Trümmer vieler alten Formen erhebt, einst überdacht, einst durch die Erfahrung erklärt, und gangbar gemacht ist, wird sie wie so ein heilsamer Antrieb erscheinen, uns die Fortschritte des menschlichen Geistes in diesen Theilen eigen zu machen.

Sie haben viele Gesetze vortragen hören; Codesweise sind sie Ihnen vorgelegt worden. Was sind sie als Früchte Jahrhundert langer Beobachtungen der größten Rechtslehrer, in vieljährigem Revolutionen der Völker durch scharfsinnige und einander entgegenstehende Redner vielfältiger Prüfung unterworfen, und nun anwendbar gemacht, für unsere Bedürfnisse. Einem Chaos von Gesetzen folgt die Klarheit und Ordnung Eines Gesetzes, das unseren Gebräuchen und Vorstellungen möglichst angeeignet wird.

So neu diese Gesetze scheinen, so alt ist ihr Geist; weit näher der ursprünglichen Einfalt, als den Formeln, womit im Lauf der Jahrhunderte in einem fremden, äusserst verdorbenen Reich, die Gesetzgebung der ausgearteten Römer, durch das sie beherrschende Advokatenvolk belastet worden war. Würden diese neuen Ordnungen in das alte Teutsch übersetzt, würden die fremden Namen der Beamten durch gleichbedeutende aus dem alten Teutschland gegeben, man würde sich wundern, wie germanisch es ist. In Wahrheit, nichts ist schön und gut als die Natur; wenn man von ihr sich entfernet, so dienen alle Versuche, in die man sich verwirrt blos dazu, auf sie zurück zu führen.

Daher jene Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz. Die hat nichts wider die Auszeichnungen, welche seit jener Nacht unbekannter Jahrhunderte die Nachkommen der ersten Häupter, Helden, Landbesitzer, die unser Brachfeld gepflügt, unseere wilden Ochsen unter das Joch gezähmt, durch alle Ehrfurcht ungestört besessen haben. Jeder hat seine Ehre, alle haben gleiches Recht.

Sie werden in der Verfassung die Absicht bemerkt haben, geringere Bürger, und Menschenklassen empor zu heben. Von altem Morgenland bis auf unsere Väter, man kann es nicht läugnen, war der größere Theil der menschen zu Herabwürdigungen verurtheilt. Nicht mehr so in unserem Heeren: die Manieren sind nicht mehr, wodurch das Ehrgefühl bei dem Stand unterdrückt wurde, der desselben am meisten bedarf; man wird zum Kopf und herzen des Soldaten sprechen müssen. Was wird nicht aus dem Heer, an dessen glorwürdigen Geschäft alle Stände Theil nehmen!

Man muß es gestehen, eine keiner Entschuldigung fähige Weichlichkeit und deine zügellose Vorliebe für Künste des Gewinnes hatte die Behauptung alles dessen, was uns köstlich, lieb, heilig ist, jene alte Ehre der Bürger von Rom und Athen und der freien Landleute von Schwytz, in die Hände derjenigen Menschen gebracht, welche das wenigste zu verlieren, und nun für die welche sie weggenommen, gekauft und gemißhandelt hatten, ihr Leben aufopfern sollteen. Auch beruhten die Siege einzig auf der Kunst des Feldherrn, den Heere für den augenblick seine Seele zu geben.

Vor Alters, da jeder auszog, und jeder Kriege geübt war, weiß man oft bei großen Siegen kaum den Kommandirenden; das Verdienst war allen gemein. Das waren jene Jahrhunderte voll ewigen Ruhms, deren Geschichte ein edler Gemüth ohne innige Bewegung weder schreiben noch lesen oder anhören kann, als für oft sehr unvollkommene Verfassungen, sehr zweideutige Rechte, die Nationalheere ruhmvoll zu siegen oder glorwürdig zu sterben wussten. Das aren Konstribirte, wie in dem alten ewigen Bund von Hochteutschland, wo niemand heirathen durfte, ehe er bewaffnet und eingetheilt war. Als die gebildetere Klasse wohlhabender Bürger sich den Waffen entzog, sahen wir große Staaten, welche mit scheinbar furchtbarer Macht prangten, dem ersten Angriff des Mannes von Geist und Kraft weichen und in Staub versinken; man verstand man erkannte sich nicht mehr; und als de tausend Jahre der Entstehung und Regierung neuer Staaten vollendet waren, mitten unter den Ruinen der zusammenstürzenden Welt, erschienen vor den Königen und Völker der neuen Ordnung der Dinge die wahrhaften Grundfesten von Sicherheit und Machtvereinigung und Waffen.

Diese Urprinzipien, welche durch Schwäche und niedriges Privatinteresse verbannt, aber durch die Folgen gerochen wurden, sie, auf welche der zur Weltherrschaft gebohrne Held nur zurückruft, sie sind die Grundsteine des unter Ihren Augen mit ihrer Bewirkung sich erhebenden Staatsgebäudes. Es ist nicht der Augenblick, und nicht meine Sache, von den vielen Gesetzen, welche in ihren Sitzungen geprüft und nach Ihren Vorschlägen verbessert wurden, zu Ihnen zu reden. Alle Verfassungen und Gesetze sind stark oder schwach, so wie diese beiden Grundsätze mehr oder weniger vorherrschend sind. Je mehr Sie alle Eins werden, und so wie auf de Stimme des Königs unseres Herrn jeder Vater seinen Sohn, jeder Eingethümer sein Vermögen für das Vaterland froh hingiebt, werden alle verbundenen Völker erkennen, daß die Schuld unserer unfälle auser uns lag, in uns aber genug Eigenschaften sind, um in dem Verein der mit dem französischen Reich verbündeten Nationen den teutschen Namen hoch zu bringen.

Man öffne die Chronicken der Geschichte; der Sinn der Jahrhunderte werde zu Rath gezogen. Wo kam je ein Staat in hohen Glanz, wo bekam er immer eigene Kraft, als durch Eintracht und Waffen. Ist doch nicht auch ein Mensch so vollkommen, als er unserer Natur gegeben ist, wenn er nicht mit schöner Harmonie seiner inneren und äußeren Kraft jenes Gefühl derselben verbindet, welches den tapferen Krieger macht, und edlen Seelen Hoheit giebt.

Diesem tröstenden, ermunternden Geist bringe jeder von Ihnen, meine Herren, in das Land seiner Heimath. Sagen Sie jedem wie das neue Reich mit mancherlei Schwierigkeiten umgeben war, welche durch die Einmüthigkeit Ihres patriotischen Willens verschwinden. Heeren und Festungen war nicht mehr zu trauen. Es entsteht ein anderes Heer mit einem neuen Geist, eine Landwehre, stärker als Festungen. Es ist des Königs Wille, es ist das Gesetz, die Westphalen sollen eine Nation seyn.

Der gelehrte und biedere Mann aus Ihrer Mitte, meine Herren, dem die Wohlfahrt und Verfassung des teutschen Vaterlandes die erste und letzte, immer die liebste Lebensarbeit gewesen, und welcher, ohne diesen Tag zu sehen,[1] zu den Vätern versammelt worden ist, was kann er, wenn den Schatten Erinnerung der menschlichen Dinge bleibt, was kann er den Vätern sagen, als daß nach den acht Jahrhunderten regelloser Ungebundenheit, wie sie waren von Hermann bis auf Karl den Großen, und nach den tausend Jahren Gehorsam unter geistlichen und weltlichen Herrn, eine neue Zeit und ein zweiter Karl der Große alle Stände der Gesellschaft berufen habe, unter das neue Gesetz der Gleichheit aller Pflichten und Rechte und an die gemeinsame Vervollkommnung aller Gesetze.

Der Ursprung der großen Vereine von Menschen, Familien, Stämmen, zu Völkerschaften und Nationen verliert sich fast allenthalben in das Dunkel roher Zeiten. Westphalens erste Tage haben Teutschland, Europa, haben die Welt zu Zeugen. Auch wird die Erwartung der Nationen durch bloße Biederkeit und Bravour nicht erfüllt. Der Ruhm der Wissenschaft, den unsere hohen Schulen tragen, verpflichten zu höherer Geistesbildung, zu unstörbarer Behaarlichkeit in manigfaltiger und gründlicher Erinnerung alles Guten und Zweckmäßigen.

Die fünf Jahre militairischen Lebens sollen diese edlen Studien neu beleben, und nicht stören. Die Vereinigung des Studiums großer Schriftsteller mit dem des Menschen, und eines thätigen Lebens, mit einem denkenden, sie ist´s, allein sie, welche unsere Wissenschaft jener unsterblichen Vollkommenheit unserer Meister im Alterthum nähern kann. Mit Wissenschaft die erste der Künste paaren, die Kunst den Feind zu schlagen, und das Vaterland zu behaupten, das ist nicht eine Unterbrechung, es ist Veredlung der Studien. So haben die größten Männer des Alterthums mit gleichem Geiste gestritten, womit sie redeten und schrieben. Die unfruchtbaren scholastischen Spekulationen und der kleinliche Wörterkram, worüber selbst genügsame Unwissenheit auf Kosten wahrer Wissenschaft so oft ihren schalen Spott getrieben, sollen mehr und mehr dem Studium der Lebensweisheit Raum geben, und usere Universitäten sollen nicht verlassen trauren, sondern mit neuen Geiste sich erheben. Die Künste, die Rechte, die Pflichten aller Stände der Gesellschaft, die Kenntnisse und Geheimnisse körperlicher Gesundheit und moralischer Kraft; die Kunst vortrefflich zu leben und ehrenvoll zu sterben, das ist der ächte Geist und Zweck des Unterrichts, und desselben Frucht ist Geistesgegenwart und Geschick zu allem, Würde des Lebens, und Unabhängigkeit von den Launen des Glücks. Welcher Vater wird seinem Sohne diese Schätze missgönnen, welches Volk dürfte ungestraft sie vernachlässigen?

Von dem Augenblick des Untergangs jener Weltherrschaft Roms bis auf uns zeigte nie ein Zeitalter ein grauenvolleres Ereignis, als diese plötzliche Auflösung der veralternden Verfassungen und Verhältnisse fast aller Nationen Europens, diesen Anfang einer neuen Folge unvorsehbarer Schicksale; ein Augenblick dessen hoher Ernst die angestrengteste Entwicklung aller Fähigkeiten, die begeisterte Erhebung aller Arten von Muth, den alles dem größten Gefühl aufopfernden Heldensinn aufruft.

Meine Herren Reichsstände, wir wollen uns zusammendrängen um den Thron und um die Verfassung des Reichs.

Die Vortheile der letzteren, die Denkungsart, welche sie uns versichern kann, sind Ihnen vorgestellt worden.

Der Eindruck begleite Sie in die Länder. Unsere Kraft, meine Herren, ist in der Eintracht, unser Ruhm ist in patriotischen Sinne. Sie haben ihn in dieser ersten Versammlung beweisen, ich habe Sie darum beglückwünscht im Namen des Königs.


[1] Während des Reichstags verstarb der Abgeordnete, Prof. Habenlin aus Helmstädt, der zu den renomiertesten Staatsrechtlern des alten Reiches zählte.

Quelle:
Privatarchiv EPOCHE NAPOLEON

Letzte Änderung der Seite: 27. 03. 2017 - 22:03