EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Bericht Ferdinand von Schills über die bisherigen Ereignisse seines Marsches

vom 30.05.1809.

Es wäre zu kühn von mir, in der Erwartung zu stehen, daß Ew. meiner eingedenk seyn sollten. Noch war ich bisher in einer Lage, die mir eine jede Kommunikation mit Ew., so sehr ich es auch wünschte, äußerst schwierig machte, und mir nicht verstattete, mich ohne Gefahr zu deconvriren, und Ew. von meinem Verhältnissen der Wahrheit gemäß einen allerunterthänigsten Rapport abzustatten.

Das gerechte Schicksal, so der guten und den Verfechtern derselben, zu deren Zahl Ew. ganz vorzüglich zu rechnen, stets hold ist, setze mich durch die Wegnahme von Stralsund mit Sturm, und durch die Wiederinstandsetzung der geschleiften Werke, in eine solche solide Lage, besonders da ich mich einer außerordentlichen Menge von Geschütz und allen Arten von Kriegsbedürfnissen bemächtigt habe, daß ich unbesorgt für meinen Rücken, wie es bisher nicht der Fall war, wie es Ew. zu erwägen geruhen werden, nun meiner Operationen vorwärts mit mehreren Spielraum und größerer Sicherheit beginnen kann. Zwar naht sich mir ein Korps Holländer und Dänen von circa 6000 Mann, dem ich an Macht allerdings nicht gewachsen bin; und woher ich meine Offensive für dieß bis auf 3 Meilen von mir vorgerückte Korps bis auf einige Zeit verschieben muß, besonders da die rastlos betreibende Befestigung des Orts schon an sich keinen andern Schritt als hier zu bleiben mir erlaubt. Die 3 Tagen hindurch mit der größten Anstrengung betriebenen Arbeiten an der Wiederherstellung der geschleiften Werke sind glücklicher Weise von einem solchen Erfolge, daß ich dreist Ew. behaupten kann, wie ich hoffe, daß sich das demolirte Stralsund gleich einem andern Saragossa, nicht allein gegen die anrückenden 6000 Mann, sondern auch gegen ein größeres Korps zeigen wird. Zu meinem großen Erstaunen habe ich indessen mehrmals vergebens meine Offiziers nach der See abgeschickt, um den britischen Schiffen die Wegnahme des Orts nebst der Insel Rügen bekannt machen zu lassen. Allein es scheint, als wenn in den hiesigen Gewässern die Engländer gänzlich verschwunden wären, da doch durch ihre Ankunft das Vorrücken des feindlichen Korps gänzlich zu vernichten wäre; wenn auch nur 1000 Mann Engländer bey Wismar oder Rostock gelandet wären, um den Feind von beyden Seiten anzugreifen. Dreymal von mir abgesandte Offiziere sind unverrichteter Sache, und ohne ein einziges englisches Schiff gesehen zu haben, zurückgekehrt.

Ew. geruhen zu erwägen, daß ich mit wenigen Truppen mir ganz allein überlassen bin, und nur der Umstand, daß die wenigen, die ich besitze, in ihrer Bravour, wovon viele Beweise aufzustellen, jede Schilderung übertreffen, macht mich um das heute Nacht anrückende feindliche Korps ganz unbesorgt. Bin ich so glücklich, wie ich es denn hoffe nachdrücklich zurückzuweisen, so möchte der guten Sache wohl nichts zuträglicher seyn, als wenn Ew. nach der Elbe zu zu detachiren geruhen wollen, indem auf den Engländern zu wenig Verlaß ist. Ich bürge Ew. mit meiner Ehre dafür, daß Napoleon seinen Rücken wohl niemals mehr als ist offen gelassen hat, wovon meine frühere Lage die sprechensten Beweise gibt. Mit 450 Husaren ohne Patronen und Feuersteine verlasse ich im höchsten Gefühle meinem Vaterlande dadurch einen Dienst zu erzeigen, und Ew. Waffen, wenn auch nur gering, doch in etwas bestimmend wirksan zu werden. – Berlin, einen Ort, in dem sich französische Spione in Menge, nebst dem Gesandten dieser Nazion aufhalten, wo mithin mein Abmarsch durch ein Heer von Kurieren in allen Gegenden des Feindes avisiert wurde. Die Elbe, ein Fluß, der leicht zu sperren ist, wurde mir in Richtungen passierbar gemacht. Was blieb mir mithin in dieser Lage anders übrig, als gerade auf einen Punkte durchzubrechen, der mit Wällen und Kanonen umgeben war. Ich nahete mich nämlich Wittenberg, ließ vor dem Orte absitzen, und wollte selbigen mit meinen Hussaren stürmen. Zwar hätte dies der Kommandant ruhig abwarten können, indem der Graben tief mit Wasser gefüllt war; dennach kam es mir gedachtem Kommandanten zwischen ihm und mir zu einer Konvention, der gemäß er mich 20 Schritt unter seinen Kanonen die Elbe passieren lassen musste, mit den Versprechen, mir 2000 Rhtl. Löhnung nachschicken zu wollen, die sich damals höchst bedürftig war. Diese Konvention besitze ich schriftlich, und die Zeitungen werden einst über diesen Vorfall durch sie einer groben Lüge bezüchtigt werden. Hiernach nahete ich mich Magdeburg bis auf 1 Meile, und zwar aus dem Grunde, um die Stimmung auf die Probe zu stellen, ob man sich für mich mittelst eines Aufstandes erklären würde. In dieser Gegend, und zwar vor dem Dorfe Dodendorf erfuhr ich, daß der Feind mit circa mit 1800 Mann Infanterie und 2 Kanonen entgegen gerückt sey. Nachdem ich nun mit dem Vorsatz Berlin verlassen, die Meinung für mich zu gewinnen, und sämmtlichen Handelns zu werden, besonders da die verlassen, die Meinung für mich zu gewinnen, um sämtlichen abgetretenen preussischen Unterthanen ein Beyspiel des Handelns zu werden, besonders da die Gegend um Magdeburg Zeuge unseres frühern so schlechten Betragens war, so blieb mir nach Berücksichtigung dieser Chancen keine andere Wahl übrig, als meine Hussaren zu fragen: ob sie mit mir den Feind angreifen wollen? Es war ein einstimmiger Wille, und der Feind war aus dem Dorfe – größtenteilsmit einer Brustwehreversehen, und mit seinem rechten Flügel an die Chaussee bey einer Brücke anglehnt, woselbst er, wie in seiner Front, 2 Kanonen hatte, aufmarchirt. Es entstand ein seltenes Gefecht, indem gegen den linken Flügel, vermög der Brustwehr, die Hussaren mehrentheils der steilen Anhöhen wegen, rücklings über fielen. Hier stand auch ein Bataillon National-Franzosen. Die Hussaren eilten um die Flanke des Feindes herum, wollten im Rücken eindringen, drangen auch zum Theil ein, wie 2 von den mitgenommenen Pulverkarren zeigen; dahingegen attakirten 1 ½ Eskadrons mit mehreren Erfolg und Glücke auf dem rechten Flügel des Feindes, der gänzlich ungeritten und gefangen genommen wurde: 1 Oberst, 18 Officiers, 400 Gefangene, nebst einem dritten Pulverkarren, ja sogar die Protzen von den Kanonen fielen uns in die Hände.

Die Kanonen selbst waren nicht fortzubringen, indem das Gefecht nicht länger fortgesetzt werden konnte, da ich 1/3 meiner Pferde und 5 Offiziers auf dem Platze ließ, die Blessuren ungerechnet, die größtentheils im Dorfe das Leben verloren, indem das französische Bataillon bis auf den Kirchhof von uns verfolgt wurde.

Der Feind kam durch diese bedeutende Affaire in einen Gemüthszustand, dem ich es wahrscheinlich allein zuzuschreiben habe, daß er mich so wenig, bis zu der kleinen Festung Dömitz verfolgte. Einen Anlehnungspunkt zu besitzen, mußte mir in meiner Lage das Wünschenswertheste seyn; daher wendete ich mein Augenmerk auf diesen kleinen Punkt an der Elbe. Er wurde von mir forcirt und genommen, zugleich auch mit rastloser Arbeit in den besten Vertheidigungszustand gesetzt; alleine der gänzliche Mangel an Munizion, so wie die verfaulten Lavetten der Kanonen ließen nicht vielen Nutzen davon versprechen. Nachdem ich mich überzeugt hatte, daß nur von einem Organisirer, nicht viel aber von einen Insurgiren sich zu versprechen sey, mußte ich meine Wünsche auf Stralsund richten, um durch diesen Ort mit den britischen Schiffen in Verbindung zu kommen. Um meinen Marsch dahin zu maskiren, behielt ich Dömitz besetzt, da sich die Zeit über an 300 bis 400 Mann schlecht bewaffnete Infanterie allda gesammelt hatte, marschirte ich pfeilschnell mit den Korps nach Wismar ab, um dem gegen mich an der Elbe gesammelten Feinde, und zwar vorgedachten 6000 Mann mit einigen Märschen zuvorzukommen. Nur jene 300 bis 400 Mann schlecht bewaffnete Infanterie ließ ich in Dömitz zurück. Um den Feind noch mehr irre zu machen, und andererseits die Verfolgung von Dömitz aufzunehmen, welche am 23 d.M. diesen Platz, nachdem solcher von einem Korps holländischer Truppen von jenseitigen Elbufer her 9 Stunden lang stark beschossen, und die Stadt in Asche verwandelt worden, verlassen hatte, detachierte ich von Wismar aus 2 Eskadrons an die Elbe zurück. Dieß machte den Feind glauben, daß ich nach Hamburg zu marschiren beabsichtigte. Er ging hierhin so weit, den über die Elbe mir nachgeschickten Truppen repassiren zu lassen, und nach Lüneburg zu marschiren.

Diese glückliche Wendung meiner Wünsche suchte ich von Wismar augenblicklich zu benützen, und eilte Tag und Nacht Stralsund zu.

Vier Meilen von Stralsund bildet der Fluß Recknitz mittelst nur dreyer Passagen eine sehr starke Defension. Am 24. d.M. Nachmittags 1 uhr stieß ich bey Dammgarten auf den Feind. Dieser Paß war mit zwei Kanonen und 8 Kompagnien besetzt. Nch einem Gefecht von 2 Stunden wurde dieser starke Paß forcirt, und die Kanonen nebst fast der gänzlichen Besatzung zu Gefangenen gemacht. 1 Major, 33 Offiziere, nebst 600 Mann fielen in meine Hände. Nachdem der Feind den größten Theil seiner Stärke aus Stralsund für diesen Posten, nebst dem zu Richtenberg und Triebsee, gewidmet hatte, blieb mir nach der glücklichen Affaire bey Dammgarten kein anderer Ausweg übrig, als mit Anspannung aller Kräfte bis Zarmin vorzueilen, um den Theil von Richtenberg und Triebsee von Stralsund abzuschneiden. Ich verweilte hieselbst kaum 2 Stunden, und der letzte Recht von Kräften wurde aufgeboten, um mit Anbruch des Tages vor Stralsund zu kommen. Bis auf 30 Uhlanen und 15 Husaren, so die besten Pferde hatten, waren dies auszuführen nur im Stande, indem alles übrige zurückbleiben mußte, und nicht folgen konnte.

Hiermit drang ich in Stalsund ein, und fand in der Gegend des Zeughauses 2 Kompagnien National-Franzosen aufmarschirt, und in Anschlägen begriffen. Bis auf 10 Schritte von ihnen hielten wir ihr ganzes Feuer aus; sie waren aber nicht zu sprengen, da sie mit den Rücken an das große Gebäude angelehnt standen, und auch ihr Feuer unter meinen Leuten sehr gewirkt hatte. Mit den Reste suchte ich in kleinen Trupps abgetheilt die Straßen zu behaupten, und gut eine Stunde kam das sich so sehr ausgezeichnete reitenden Jäger-Detachement 40 Pferde stark mit verhängten Zügeln angesprengt. Ich ließ selbige auf dem Markte absitzen, und postirte sie in die Ecken der Straßen und Häuser. Ihr Feuer war wirksam, und so lebhaft, als möglich; dennoch wich der Feind nicht. Schon begann die Sache eine üble Wendung zu nehmen, als mir nur das einzige Mittel zu ergreifen übrig blieb, nämlich die Uhlanen und Hussaren absitzen zu lassen, und also den Feind zu Fuß anzugreifen. Es gelang, indem wir einbrachen, und den Feind gänzlich derangirten. Nach Verlauf von mehreren Stunden kam der Rest meiner Leute an, und sofort ließ ich die Insel Rügen besetzen, wo, wie auf der Straße nach Wolgast, mehrere Gefangene gemacht wurden.

Noch an demselben Tage wurde gleich mit der Befestigung des Orts angefangen. Da der Feind mit seinem Marsche nach Lüneburg mir 3 Tage voll gelassen hatte, bin ich während dieser Zeit bis zu dieser Stunde soweit mit der neuen Befestigung vorgerückt, ihm, 6000 Mann stark, heute Nacht oder Morgen früh ruhig entgegen zu sehen.

Ew. geruhen sich zu überzeugen, daß ich mein Möglichstes zur Erhaltung dieses Orts nebst der Insel Rügen thun werde, muß jedoch Ew. unterthänigst bitten, mich mit Hochderoselben Verwendung bey dem britischen Hofe darin zu unterstützen, daß mir bald, sehr bald eine solide Unterstützung von den Engländern werden möge; indem ich die so schön errungenen Früchte mir allein überlassen, auf die Dauer nicht zu erhalten vermag.

Zugleich nehme ich diese Gelegenheit wahr, mich Ew., den ganz Europa liebt und so sehr verehrt, zu Füßen zu legen.

Ew.

Stralsund, den 30. May 1809

Unterthänigster

Schill.

Quelle:
Privatarchiv EPOCHE NAPOLEON

Letzte Änderung der Seite: 01. 11. 2017 - 03:11