EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Parolebefehl Ferdinand von Schills

vom 30.05.1809.

Nach der Parade exercirt v. Quistorp die Garnision, wie auch Nachmittags um 6 Uhr. Hierbei wird auf geschwinden Schritt, rasches Laden, richtiges Anschlagen, Deplojiren mit und ohne Sektionen, ganz vorzüglich gesehen. Die Hauptwache besetzen die Bürger.

Nachdem der sehr unglückliche Ton eingerissen, daß nach Willkühr meine Befehle abgeändertt, sogar öfters nicht befolgt worden sind, und das beständige Marschiren bis jetzt verhindert hat, daß eine solche Abweichung mir nicht noch mehr aufgefallen; so werde ich solche jetzt um so mehr ahnden. Eine noch tausendmal größere Ordnung muß im Corps unumgänglich zur Gewohnheit werden; sonst wird uns ein Unglücksfall nach dem andern, nach so schönen Stunden treffen. Auf Commandos muß ich von dem Commandeur, er sei Offizier oder Unteroffizier, von allen Begebenheiten den pünktlichsten Rapport haben; dergleichen Nachlässigkeit, woraus denn Unglücksfälle großer Art entspringen können, sind nicht hart genug zu bestrafen. Unnöthiges Schießen im Quartier und auf Märschen ist verboten. Die Offiziere der Artillerie reichen mir einen Plan ein, wie die schadhaften Gewehre successsive in einen brauchbaren Zustand gesetzt werden können. Alle dieses vorgebrachten ‚Verfügungen sind schon längst ein Gegenstand meines größten Wunsches gewesen, was manche kritisierende Zunge, die nur immer das Schlimme angreift und vielen brennenden Schwefel um sich herumstreut, wahrlich nicht gern glauben wird. Ich überlasse aber dem vernünftig und besser denkenden Theile, von der Lage der Sache zu abtrahiren und zu berücksichtigen, daß mit dem beständigen und öfters nöthigen raschen Marschiren, Ordnung schwer zu verknüpfen ist.

Es schmerzt mich sehr, hie und da Mangel an Zutrauen zu bemerken, welches mir sonst, da ich von lauter Freunden und keiner Opposition umgeben war, in der Campagne bei Colberg nicht fehlte; allein ich genoß auch damals das Glück, daß sich ein Jeder überzeugt hielt, wie unaussprechlich gut ich es mit einem Jeden meine, wie unermüdet rastlos ich mich bestrebte, ohne großen Menschenverlust den Ganzen nicht unbedeutende Vortheile zuzufügen, und für Alles wie ein sorgsamer Vater zu besorgen. Es ist kein Fall vorhanden, wo mich mit Recht ein Vorwurf von Einem oder dem Andern trifft, und kann ich daher mit Fug und Recht, wie bei Colberg, so auch jetzt vorzüglich um Zutrauen bitten, und werde ich frei auf die Ordnung halten, wie ich es ingleichen nie leide, daß man mir öffentlich und in Gegenwart anderer widerspricht, oder mich persiflirt.

Der nächste Vorfall dieser Art würde mich schon bestimmen, ein Beispiel einziger Art aufzustellen und mit einem Solchen eine Kurz zu versuchen, die er wohl nicht weiter zu erzählen möchte. Noch nie habe ich mich compromittirten lassen, viel weniger jetzt, da Jeder die ganze Last nicht mehr auf meinen Schultern ruht. Ich werde gewiß mit ganzer Sorgfalt darüber wachen, wer sich mit Eifer seiner Instruktion annimmt, welches ich jedoch bei dem von Brunow bei der Cavallerie und von Quistorp bei der Infanterie überzeugt. Das ich über Alles Sorgfalt trage, bitte ich sich überzeugt zu halten, und als einen Beweis das Versprechen zu nehmen, daß ein jedes Individuum, welches sich einzeln um mich gesammelt hat, am Abend seines Lebens die Früchte hiervon genießen soll. Nächstens werde ich mich über diesen Gegenstand näher und deutlicher erklären. Dringend bitte ich das Corps der Offiziere, den Geist der Einigkeit zu befördern, der die Seele im Kriege ist, und die Bahn zum größten Ruhme öffnet; ebenso dringend bitte ich die Herren, mir ihre Freundschaft und ihr Zutrauen zu schenken, da ich nichts mehr wünsche, als daß meine Befehle mit Pünktlichkeit befolgt werden, und übrigens mit dem Heer wie in einem Familienverhältnis zu stehen.

Stralsund, den 30. Mai 1809.

Schill

Quelle:
Privatarchiv EPOCHE NAPOLEON

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