EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Brief Heinrich Dietrich von Grolmans an seinen Sohn Karl Wilhelm

vom 19.10.1807.

19 Oktober.

Lieber Karl! Deinen Brief vom 30. September habe ich erst heute erhalten, aber mit seinem Inhalte bin ich gar nicht zufrieden. Welcher Kleinmut, welche Mutlosigkeit! Muss man denn nicht in unglücklichen Umständen alle Kräfte des Geistes aufbieten, das Unglück wieder gut zu machen? Von wem soll der Staat seine Wiederherstellung erwarten, wenn es nicht durch Euch jüngere Leute geschehen soll? Wenn ich Dein Schicksal im Kriege überlege, so scheinst Du mir immer dazu bestimmt zu sein, dem Staat wieder aufzuhelfen. Du bist so jung befördert, wie es keinem Offizier begegnet ist. Du kannst in den Jahren, wo Leibes- und Seelenkräfte noch in der besten Blüte sind, General sein, und an der Spitze einer Armee stehen. Und Du wolltest Deine Laufbahn verlassen? Den Weg, den Dir die Gottheit selbst vorgezeichnet, nicht wandeln?!

Dein König hat jede gute Handlung, welche Du begangen hast, belohnt, sich gegen Dich erkenntlich bewiesen, und Du wolltest gegen ihn undankbar sein! Gegen diesen König, der unser Mitleiden doppelt verdient, da ihn alle Welt, selbst diejenigen, denen er Wohlhalten erwiesen hat, verlässt. 

Dein einziges Kind, das Andenken Deiner geliebten Frau, wolltest Du verlassen. Kannst Du wohl denken, dass Du durch Überlassung Deines Vermögens Deine Pflichten gegen dasselbe erfüllst? Ist nicht eine gute Erziehung, die Du ihm schuldig bist, besser als alles Vermögen? Verlass Dich nicht auf Erziehung Deiner Schwestern oder andrer Menschen, den Vater, die Eltern kann niemand ersetzen. - Und warum soll man denn alles sich nach der schlimmsten Seite vorstellen? Das Reich des Napoleon wird auch sein Ende nehmen. Anjetzt muss man sich der Zuchtrute unterwerfen. Es wird aber schon die Zeit kommen, wo man sich mit Klugheit derselben entziehen kann. Nur jetzt muss man nicht aufbrausen. Siehe Dich recht in der Welt um, wo findest Du nicht Unvollkommenheiten, und wo kannst Du mehr hoffen, zum Guten zu wirken, in Deinem Vaterlande, oder in der Fremde? Krusemarck wird morgen von hier abreisen, und diesen Brief mitnehmen; ich hoffe, er werde Dich in einer bessern Stimmung antreffen. Dein Kind befindet sich wohl, und wir sind alle gesund; wir ertragen unser Leiden mit Geduld, und vertrauen der göttlichen Güte, die am Ende alles gut macht. Auch dieser empfehle ich Dich und verbleibe stets

Dein treuer Vater.
Den 19 Oktober, Abends um 8 Uhr.

Quelle:
Schweinitz, Anna-Fanziska von: "Briefe aus den Befrieungskriegen - Heinrich Dietrich von Grolman an seinen Sohn Karl vom 10.07.1807 bis 06.06.1816", o.J., o.O. (Privatdruck)

Letzte Änderung der Seite: 27. 03. 2017 - 22:03