EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Christian Gottlieb Körner an Friedrich von Schiller

vom 05.05.1805.

Dresden, am 5. Mai 1805.

Dein letzter Brief beruhigt mich über Deine Gesundheit, und erfreut mich durch die Nachrichten von Deiner poetischen Thätigkeit. Hier war ein Gerücht, Du würdest in das südliche Frankreich eine Reise machen. So sehr ich Dir eine solche Erholung gönnte, so hätte ich doch diesen Sommer Dich lieber mehr in der Nähe, weil wir uns vielleicht in Lauchstädt sehen könnten, da ich wahrscheinlicher Weise nach Zerbst reisen werde. Dieß geschieht aber auf keinen Fall vor dem Julius. Die Tante wünscht sehr, uns zu sehen, und vier Wochen ist das Äußerste für meinen Urlaub. Sonst würde ich mir nicht versagen, zu Dir nach Weimar zu kommen. Ich wünscht einige Stücke von der weimarschen Gesellschaft aufgeführt zu sehen, besonders die Braut von Messina, den Tell, die Phaedra, und etwa ein Maskenstück.

Es sollte mir leid thun, Goethen hier zu verfehlen. Da die Reise zu seiner Erholung bestimmt ist, so kommt er doch wohl bald. Einige Recensionen, an denen ich sein Gepräge erkannte, haben mir vielen Genuß gegeben.

Die Schrift von der Stael über ihren Vater habe ich noch nicht gesehen, und es wäre hübsch, wenn Du sie mir schicktest.

Wir haben jetzt hier einen theatralischen Genuß gehabt, den ich Dir wünschte. Es wurde eine ernsthafte Oper von Cimarosa, die Horatier und Curiatier, gegeben. In der Aufführung hatte man an Kleidungen und Decorationen nichts gespart, und die besten Mitglieder des Theaters traten darin auf. Die Musik ist gefällig, aber hat größtentheils nicht genug Würde und Charakter. Cimarosa hatte mehr Talent für die komische Oper. Was mich aber am meisten freute, war das Spiel der Madame Paer, als Orazia. Im höchsten tragischen Momente bleibt sie immer in den Grenzen der Grazie, ohne dem Leidenschaftlichen Ausdruck etwas zu vergeben. Auch weiß sie ihren Stellungen eine gewisse Dauer zu geben, ohne in’s Steife zu fallen. Dieß gelang ihr besonders in einem Duette mit Horatius, ehe dieser sie ersticht. Sie benutzte hier die Fermaten der Musik sehr gut zu einem Erstarren ihrer ganzen Gestalt für das höchste leidenschaftliche Moment. Es ist Schade, daß man sie nicht als Beatrice in der Braut von Messina, oder als Maria sehen kann. Ihr Talent siegte diesmal bei dem hiesigen Publicum über eine Cabale, durch die sie seit einigen Monaten verfolgt worden ist. Überhaupt ist das Publicum der Oper hier im Ganzen gebildeter, als das Publicum des deutschen Theaters.

Nach dem Meßcatalogus ist die literarische Ernte in dieser Messe nicht groß. Im poetischen Fache besonders wüßte ich fast gar nichts Neues gefunden zu haben, das mich gereizt hätte.

Herzliche Grüße von den Meinigen. Lebe recht wohl.

Dein
Körner.

Quelle:
Goedeke, Karl (Hg.): Schillers Briefwechsel mit Körnern. Von 1784 bis zum Tode Schillers, Leipzig 1874

Letzte Änderung der Seite: 27. 03. 2017 - 22:03