EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Christoph Martin Wieland an seinen Sohn Ludwig

vom 10.06.1802.

O., den 10. Juni 1802

Mein lieber Sohn!

Ich kann mich nicht darüber beschweren, daß mir Dein Brief vom 9. May von eurer neuesten Revolution nichts mehreres offenbart, als was ich schon ad satietatem usque in den Zeitungen gelesen hatte. Freilich wünschte ich über die Beschaffenheit und den Zusammenhang der Ursachen und Wirkungen aller zeitherigen Politischen Krämpfe und Wehen der neuen Helvetischen Republik (die für mich Lettres closes sind) endlich einmal ins Klare zu kommen, ich sehe aber wohl, daß, wenn Dir auch alle geheimen Triebräder und das ganze dessous des cartes bekannt wäre (was doch wol schwerlich der Fall sein mag), es doch keineswegs räthlich wäre, die Aufschlüsse, die Du mir darüber geben könntest, einem Briefe zu vertrauen. Das, wovon ich gänzlich überzeugt bin, ist, daß den kleinen Helvezien, sowie dem großen Frankreich nur durch Einen Mann geholfen werden könnte, der für Euch wäre, was Napoléon Bonaparte für die Franzosen ist. Gäbe es innerhalb der Rhone, der Aar und des Rheines einen solchen Mann, so müßte er sich schon lange gezeigt haben. In meiner Jugend kannte ich einen, aber er kam vierzig Jahre zu früh in die Welt. Es war der ehemalige Bürgermeister Heidegger in Zürich. Leider ist nicht zu hoffen, daß Seines gleichen sobald wieder erscheine. Mit bloßen guten verständigen ehrlichen Biedermännern vom gewöhnlichen Schweizer-Schrot und Korn ist euch so wenig gedient, als mit Spitzköpfen, Schwärmern, democratischen Knollfinken oder vernagelten Berner und Friburger Aristocraten. Ich sehe nur Ein Mittel, wie die Schweitz wiedergebohren werden kann, und dies ist, daß Napoléon ihr die Barmherzigkeit erweise, die er an der Cisalpinischen Republik erwiesen hat, und daß er selbst komme, alle Schweitzer, denen der Kopf nicht wackelt und denen aliquid salit in laeva parte manillae, zu sich berufe, und einen Vicepräsidenten aus ihnen erwähle, der euch, unter seinen Befehlen, regiere und mit dem Beystand einer hinlänglich bewaffneten Macht aller Fehd, allen Fakzionen, Intrigen, Kabalen, Narrheiten und Teufeleyen ein Ende mache. An Politische Selbstständigkeit der Schweitz ist gar nicht mehr zu gedenken; sich ihre recuperation nur träumen zu lassen, wäre das größte ridicule, ein wahrer Lalleburger Einfall: Helvezien, sowie die Lombardische und Batavische Republik sind nun einmalhl nichts als Vorstädte der großen Gallischen civitas, können nichts andres mehr sein, und werden, so lange diese dauert, nichts anderes werden. Dies ist mir so klar und evident als daß kein Ich ohne ein Nicht-Ich seyn kann. Möge der Himmel den guten Schweitzern so viel Erleuchtung geben, daß sie dies einsehen und sich ein für allemahl mit guter Art in ihr Schicksal finden und fügen; denn das fysisch unmögliche kann nur ein Kindskopf oder ein Wahnsinniger bewirken wollen.

Was ich Dir schon mehr als Einmahl geschrieben habe, lieber L., muß ich auch itzt wiederholen: ich wünsche herzlich, daß du in der Schweitz möchtest bleiben und einwurzeln können. Ich müßte mich sehr irren, oder du taugst nirgends besser hin. Geht es aber nicht an, so komm' immerhin auf den Herbst wieder zu mir zurück, wiewohl ich in Deutschl. keinen Ausweg für dich sehe. Für einige Zeit wirst du dich wenigstens um so eher bey mir behelfen können, da ich hoffe und beynahe gewiß bin, daß ein ganz anderes Verhältniß zwischen und Statt finden würde, als ehemals und daß Du mir von großer ressource seyn würdest.

Der Tod Deiner Mutter hat einen unheilbaren Riß in meine Existenz gemacht. Oßmannstädt ist nicht mehr für mich, was es war; mitten unter den Meinigen fühle ich mich so allein, als in einer unbewohnten Insel, und bin es auch, ungeachtet alles guten Willens derer, die mich umgeben. Was ich mit deiner Mutter verloren habe, ist unsäglich, und den meisten Leuten unbegreiflich; ich müßte in Medeens Kessel regeneriret werden und von neuen zu leben anfangen, wenn es mir sollte ersetzt werden können - und wahrlich auch dann müßte Sie zugleich wieder aufleben und den Platz wieder bey mir einnehmen, den keine andre ausfüllen kann. Von Grund aus ist mir also freylich nicht zu helfen, aber gegen den traurigen Mangel eines Wesens um mich her, dem ich mich mittheilen kann, würde der Umgang mit dir, lieber L. ein für mich wohlthätiges Mittel seyn. Wahrscheinlich würde ich dann den Plan, mit dem ich seit einiger Zeit umgehe, und dessen Realsisierung alle meine weimarische Freunde mit großen Eifer betreiben, wenigstens auf ein Jahr hinaussetzen. Dieser Plan ist das Gut zu O. dem Erler pachtweise zu übergeben. Den größern Theil des Jahres mit einem Theil meiner Familie (der Schorchtin und Luise) in der Stadt zu hausen, und zu Oßmannstädt nur einige Monate der schönen Jahreszeit zuzubringen. Die Ausführung dieses Projects ist nicht ohne Schwierigkeiten; doch würde sich, wenn ich mich einmahl fest dazu entschlossen hätte, wermuthlich alles applaniren lassen. Auf alle Fälle beschließe ich hierüber nichts definitiv, bis ich weiß, ob Du kommst oder nicht.

Dein neuer Freund v. Kleist interessirt mich so sehr, daß du mich durch nähere Nachrichten von ihm sehr verbinden würdest.

Natürlich bin auch begierig mit dem ersten Produkt, womit du (wiewohl incognito) im Publico aufgetreten bist, bekannt zu werden. Melde mir also den Titel, u. den Verleger, damit ich mich baldmöglichst in den Besitz eines Exemplars setzen könnte.

Dem T. Merkur wird vermuthlich am letzten dieses Jahres zu Grabe geläutet werden. Der Absatz nimmt mit jedem Jahrgang ab, und was der dermahlige Verleger pr. Honor. geben will; ist weniger als der elendeste Romanschreiber verdient. Ueberhaupt hat es noch nie so schlecht um den Buchhandel gestanden als dermahlen. Von Geßner habe ich seit Jahr und Tagen keine Zeile erhalten. Ich wünsche sehr zu wissen, wie seine Sachen stehen, und was für Aussichten er in der neuen Ordnung der Dinge hat. Wenn den Zeitungen zu glauben wäre, so ließe sich alles ganz gut bei Euch an; in Frankreich hingegen zeigen sich seitdem sich Napoléon zu dem bekannten (wie ich besorge) falschen Schritt hat verleiten lassen, Aspecten von schlimmer Vordeutung.

Schreib mir so oft als möglich, lieber Sohn, und sey versichert daß itzt niemand meinem Herzen näher ist als du. Tausend herzliche Grüße an deine gute Schwester und ihren Mann. Wollte Gott, ich könnte den Rest meines Lebens bey Euch in der Schweitz beschließen,

W.

 

 

Quelle:
Zolling, Theodphil: Heinrich von Kleist in der Schweiz, Stuttgart 1882

Letzte Änderung der Seite: 27. 03. 2017 - 22:03